https://www.faz.net/-gpf-8n5dx

Antisemitismus in Amerika : Geschürte Angst vor übermäßiger Macht

  • -Aktualisiert am

Denkmal am Ground Zero Bild: Reuters

Keiner der vielen mindestens ebenso gefährlichen Weltkonflikte beschäftigt die amerikanische Linke so sehr wie der palästinensisch-israelische. Diese Disproportionalität ist weder nur links noch exklusiv amerikanisch.

          3 Min.

          Die Legende, Antisemitismus wäre nur ein rechtes und keinesfalls auch linkes Phänomen, ist häufig widerlegt worden. Sowohl durch die Wirklichkeit als auch die Wissenschaft. Schon der Urlinke Karl Marx war - obwohl jüdischer Herkunft - alles andere als immun gegen Judenfeindlichkeit. In der kommunistischen Welt des Ostblocks, natürlich auch in der DDR, gehörten zunächst liquidatorischer und dann „nur“ diskriminierender Antisemitismus seit Stalin zum schlechten guten Ton. Die Neue Linke setzte im Westen seit den 1960er Jahren diese keineswegs nur diskriminierende Tradition fort. Man erinnere sich, dass der RAF-Terror bereits seit 1969 und später mehrfach auf jüdische Einrichtungen in Deutschland zielte.

          Zunächst, allerdings nicht dauerhaft, fand Westeuropas Neue Linke jüdische Mitstreiter als willkommenes Alibi. Antisemitische Alibijuden gibt es auch in den 16 Miniorganisationen der in diesem Buch untersuchten Linken in den Vereinigten Staaten von Amerika nach dem Megaterroranschlag des 11. Septembers 2001 („9/11“). Die Autorin analysiert Aktivisten der amerikanischen Antikriegs-, Pro-Palästina- und Occupy-Wall-Street-Bewegung sowie linksjüdischer Gruppen und Anarchisten oder „queere“ Einzelpersonen. Als Ethnographin bedient sie sich der teilnehmenden Beobachtung, „Bewegungsliteratur“, „Expert_inneninterviews“ (der das Maskulinum ums Femininum durchgehend ergänzende Unterstrich markiert die marktgängige Genderkorrektheit der Autorin) sowie „qualitativer Leitfadeninterviews“ bei 30 Befragten.

          Teil eins des Buches beleuchtet die theoretischen und historischen Hintergründe. Den unerlässlichen Begriffsbestimmungen folgen ein faktenreicher historischer Überblick des keineswegs unbedeutenden Antisemitismus in den Vereinigten Staaten, eine präzise Darstellung der Traditionslinien linksamerikanischer Antisemitismusdiskurse sowie eine interpretierende Diagnose der Linken nach 9/11.

          In Teil zwei werden die (nur) 30 Interviews ausgewertet und durch die erwähnten Zusatzmethoden analytisch ergänzt. Die Repräsentativität dieser Methode darf bezweifelt werden. Daran ändert auch die penetrante Dominanz des fachsprachlichen Jargons der Autorin wenig. Dennoch sind ihre Befunde ebenso aufschlussreich wie interpretatorisch überzeugend, denn sie ist mit der allgemeinen, universalhistorischen Antisemitismus-Thematik in ihren vielfachen und oft sehr speziellen Ausprägungen erkennbar bestens vertraut. Das gilt auch bezogen auf Kenntnisse innerjüdischer Welten und die amerikanische Gesellschaft oder Politik.

          Geschickt charakterisiert und kommentiert Sina Arnold bereits mit dem ersten Satz des Buches das juden- und nahostpolitische Selbstbild der Linken in den Vereinigten Staaten: „If you have not been called anti-Semitic, you are not working hard enough for justice in Palestine.“ Die Autorin fragt, wie es zu erklären sei, dass Streiter „für eine Gesellschaft jenseits von Rassismus und Diskriminierung stolz darauf“ sein könnte, „als antisemitisch bezeichnet zu werden“. Arnold gibt detaillierte, stets belegte, ebenso kritische wie dennoch unpolemische, analytische und dadurch vom Leser nachvollziehbare Antworten. Einige seien erwähnt.

          Anders als beim herkömmlichen Antisemitismus fehlen stereotypische Bilder „des Juden“ und vermeintlich jüdischer Eigenschaften. Wie im traditionellen Antisemitismus glauben (nicht nur) die amerikanischen Neulinken an übermäßige jüdische Macht und Einflussnahme. Das ist der fruchtbare Boden für (Welt-)„Verschwörungstheorien“. Diese „Kunst“ beherrschen sie so vollendet wie einst der Geheimdienst des russischen Zaren, der durch die „Protokolle der Weisen von Zion“ der Welt weismachen wollte, „die“ Juden strebten nach Weltherrschaft. Eine Legende, die jüngst ein südwestdeutscher AfD-Parlamentarier aufgriff. So gesehen, ist der neulinke Antisemitismus weltweit uralt und zugleich rechts.

          Keiner der vielen mindestens ebenso gefährlichen Weltkonflikte beschäftigt die amerikanische Linke so sehr wie der palästinensisch-israelische. Diese Disproportionalität ist ebenfalls weder nur links noch exklusiv amerikanisch. Nicht nur hier wäre eine etwas intensivere Einbettung der Entwicklung in den Vereinigten Staaten mit Westeuropa wünschenswert gewesen. Sie bleibt aber nicht unerwähnt und muss daher nicht grundsätzlich angemahnt werden. Wie ihre westeuropäischen Glaubensgeschwister pflegen die neulinken Amerikaner Israel gegenüber einen (un)moralischen Doppelstandard: Palästinensische Gewalt stößt auf Verständnis und gilt ihnen als legitim, israelische Gewalt wird verständnis- und vor allem empathielos verdammt.

          Das Holocaust-Trauma werde von Israel und den diasporajüdischen Repräsentanten allein nahostpolitisch instrumentalisiert, behaupten Neulinke jenseits und diesseits des Atlantiks. „Anstatt über Antisemitismus sprechen Linke über Antisemitismusvorwürfe und über den ,Missbrauch‘ von Antisemitismus […]. Beim Reden über Antisemitismus wird also kaum gefragt, ob dieser die Menschenrechte jüdischer Minderheiten verletzt oder ob er Gefühle von Unsicherheit und Ungerechtigkeit bei Juden“ auslöst. „Aufgrund ihres Weißseins werden Juden […] in Israel wie in den USA als absolut überprivilegiert wahrgenommen“; sie würden, wie „die“ Vereinigten Staaten, als Rassisten und Imperialisten verunglimpft. Dem ist nur hinzuzufügen, dass die Autorin nicht gegen die humanitäre Substanz des neulinken Weltbildes polemisiert, sie analysiert deren Missbrauch. Wer mehr über den neuen Antisemitismus wissen möchte, lese dieses Buch.

          Sina Arnold: Das unsichtbare Vorurteil. Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11. Hamburger Edition, Hamburg 2016, 487 S., 38,- €.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump hält eine Bibel bei einem Fototermin vor einer Kirche in die Luft.

          Proteste in Amerika : Trump will eine militärische Lösung

          Präsident Trump droht, die Unruhen im ganzen Land mit der Armee niederzuschlagen. Er will sich notfalls über den Willen der Gouverneure hinwegsetzen. Aus seiner eigenen Partei kommt kaum Gegenwind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.