https://www.faz.net/-gpf-a47ym

Antisemitismus : Aufgabe für alle Demokraten

  • -Aktualisiert am

Daraufhin beleuchtet Neuberger nicht nur Verschwörungstheorien („jüdische Weltverschwörung“) und Stereotype („Geldjuden“), sondern sie bemüht sich auch, den Begriff überhaupt erst zu definieren und vom Terminus „Antizionismus“ abzugrenzen. Das ist eine schwierige, aber auch besonders bedeutsame Aufgabe. Denn seit einiger Zeit wachsen Tendenzen, Antisemitismus unter dem Deckmantel des Antizionismus zu verbreiten.

Hierbei betont Neuberger die selbstverständliche Legitimität von Kritik an israelischer Politik. Anders als manche Gegenmeinung hält sie selbst es zum Beispiel für „völlig in Ordnung, wenn jemand im israelisch-palästinensischen Konflikt für eine Zweistaatenlösung plädiert und für das weitere Vorgehen Kompromisse empfiehlt“. Aber wer Israel, der einzigen Demokratie im Nahen Osten, gerade nach dem Holocaust das Existenzrecht abspreche, äußere sich nicht antizionistisch, sondern antisemitisch. Das gelte erst recht für Versuche, Israel als Staat mit natürlich besonderen Sicherheitsbedürfnissen zu dämonisieren („Israhell“) oder gar mit der Hitler-Diktatur gleichzusetzen – samt deren singulären Massenverbrechen gegen die Menschlichkeit.

Besorgt äußert sich Neuberger über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland, wo populistische Rechtsextremisten gegen Juden hetzen, die Hitler-Diktatur verharmlosen, demokratische Politiker verunglimpfen, rassistische Ressentiments schüren und auch noch Wahlerfolge feiern. Für umso wichtiger hält Neuberger das Engagement vieler Menschen, darunter zahlreiche Christen und Muslime, in Deutschland und anderswo gegen Antisemitismus und andere Arten von Demokratiefeindlichkeit.

Besonders scharf kritisiert Neuberger antisemitische Tendenzen in der britischen Labour Party gerade unter ihrem inzwischen ehemaligen Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Tatsächlich hatte Corbyn einst sogar selbst erklärt, es sei zulässig, Israel, seine Politik oder die Umstände seiner Gründung rassistisch zu nennen. Nach den Worten seines Sprechers wollte er damit lediglich palästinensische Rechtsauffassungen verteidigen. Offenbar mangelt es Corbyn bereits an einem Grundverständnis für die Ursachen und Umstände der Entstehung Israels. Ebenso würdigte und verteidigte er vor einigen Jahren, wie Neuberger erinnert, ein Gemälde mit antisemitischen Stereotypen gröbster Art als beinahe wertvollen Beitrag zur Meinungsfreiheit – das Bild präsentiert „hakennasige Geldjuden“ als „kapitalistische Ausbeuter“ des Prekariats.

Neuberger hat ein berührendes Buch geschrieben. Ihre Analyse kann dazu beitragen, mehr Menschen für das Judentum zu sensibilisieren und gegen Antisemitismus zu aktivieren. Das Buch gehört zu den wichtigen Veröffentlichungen der Gegenwart über Antisemitismus.

Julia Neuberger: „Antisemitismus“. Wo er herkommt, was er ist – und was nicht. Berenberg Verlag, Berlin 2020. 237 S., geb., 16,– .

Weitere Themen

Topmeldungen

Väter, die gewachsen sind:  Mann mit  Kind im Buggy im Oktober im Berliner Regierungsviertel

Familie in Zeiten der Pandemie : Dieses neue Vatergefühl

Corona ist für Familien eine Belastung. Manche Männer aber bringt die Pandemie auch dazu, eine aktivere Rolle zu suchen. Macht die neue Lebenssituation aus Männern vielleicht sogar bessere Väter?