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Antikommunismus : Der Duft des großen weiten Prints

  • -Aktualisiert am

Präsident John F. Kennedy Bild: AFP

Als Präsident John F. Kennedy ermordet wurde, brach für den amerikanischen Journalisten Joseph Alsop eine Welt zusammen (“mein halbes Leben“). Von da an ging es denn auch bergab.

          Am Sonntag, dem 18. Juni 1961, versammelte Präsident John F. Kennedy eine interessante Runde auf seinem Landsitz Glen Ora/Virginia: Philip Graham, Eigentümer von „Newsweek“ und Herausgeber der „Washington Post“, der einflussreichsten Zeitung in Washington; Joseph „Joe“ Alsop, einer der bekanntesten Journalisten in den Vereinigten Staaten, dessen Kolumne „Matter of Fact“ dreimal in der Woche in 200 Zeitungen erschien und von mehr als 180 Millionen Amerikanern gelesen wurde; Charles „Chip“ Bohlen, ehemaliger Botschafter in Moskau. Kennedy las aus dem Protokoll seines Treffens mit Chruschtschow 14 Tage zuvor in Wien, wo der Sowjetdiktator ultimativ den Abzug der Westmächte aus West-Berlin gefordert und mit Krieg gedroht hatte. Kennedy war entschlossen, nicht nachzugeben, und wollte den Rat seiner Gäste. Die bestätigten ihn in seiner Haltung.

          Am nächsten Tag trafen Graham und Bohlen dann Llewellyn Thompson, den amerikanischen Botschafter in Moskau. Man war sich einig: Würde Kennedy hart bleiben, würde Chruschtschow nachgeben. Genauso sah das Frank Wisner, der ehemalige Leiter der CIA-Abteilung für Geheimoperationen. Am 25. Juli hielt Kennedy seine Rede an die Nation mit der klaren Botschaft: massive Aufrüstung und kein Rückzug aus West-Berlin. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Kennedys Freunde die amerikanische Öffentlichkeit vorbereitet: in der „Washington Post“ und in „Newsweek“ mehrmals auf der ersten Seite, Alsop mehrmals in seiner Kolumne, in der er Chruschtschow mit Hitler verglichen hatte.

          Alsop, Wisner, Bohlen, Thompson und Kennedy waren sämtlich Grahams Freunde und Nachbarn in Washingtons Stadtteil Georgetown. Gregg Herken, emeritierter Geschichtsprofessor der University of California, macht sie zur „Georgetown Gruppe“ und geht noch einen Schritt weiter: Sie - und nicht etwa die Generäle im Pentagon - hätten die erfolgreiche amerikanische Strategie für den Kalten Krieg entworfen. Das ist zwar als „Aufhänger“ ganz interessant, aber Georgetown ist in diesem Zusammenhang nur einer von vielen anderen Orten in Washington, wo wichtige Leute wohnten. Herken konzentriert sich auf Joseph Alsop (1910-1989) und dessen Bruder Stewart (1914-1974). Nach Harvard (Joseph) und Yale (Stewart) wurden beide Reporter, wobei die Roosevelt-Connection half (ihre Mutter war die Nichte von Präsident Teddy Roosevelt): Joseph begann seine Karriere bei der „New York Herald Tribune“ und wurde durch seine Berichterstattung über den „Prozess des Jahrhunderts“ 1933/34 bekannt, in dem der deutschstämmige Bruno Hauptmann wegen Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh zum Tode verurteilt wurde. Stewart arbeitete als Herausgeber für den Doubleday-Verlag.

          Beide setzten die durch Kriegsdienst unterbrochene Karriere nach 1945 erfolgreicher denn je fort - mit der erwähnten Kolumne „Matter of Fact“, wobei sie auf das Wort Fact besonderen Wert legten: Anders als ihre Kollegen verbreiteten sie „Tatsachen“, nicht Meinungen. Damals spielte das Fernsehen in den Vereinigten Staaten noch keine große Rolle - daher hatte diese Kolumne eine ungeheure Wirkung auf die öffentliche Meinung.

          Um an die Facts zu kommen, entwickelten beide ein System, was wohl nur damals möglich war: Jeden Sonntagabend luden sie alles, was Rang und Namen hatte - Senatoren, Richter, Botschafter et cetera - zur Dinner Party ein (Joe nannte das die „Zoo-Party“) - und zwar überparteilich. Von Joe hieß es, er würde wohl auch den Teufel einladen, solange der Lackschuhe tragen und seinen Schwanz diskret unter dem Tisch verbergen würde.

          Beide Alsop-Brüder waren antikommunistische Falken. Sie griffen Präsident Harry S. Truman an, weil sie dessen Verteidigungsausgaben für unzureichend hielten - für Außenminister Dean Acheson war Joe daher einfach „eine Pest“; sie sprachen von einem Erstschlag gegen die Sowjetunion und befürworteten 1954 den Einsatz amerikanischer Bodentruppen zur Unterstützung der Franzosen in Dien Bien Phu. Aber es gab bei ihnen auch liberale innenpolitische Ansätze. Sie führten als Erste öffentlich scharfe Attacken gegen Senator Joseph McCarthys antikommunistische Hexenjagd, für sie „eine Gefahr für Amerikas Freiheiten“.

          Joes Antikommunismus verstärkte sich nach seinem Moskaubesuch im Februar 1957, als er Opfer des sowjetischen Geheimdienstes wurde. Joe war homosexuell und ließ sich mit einem blonden, gutaussehenden Mann ein. Anschließend wollte der sowjetische Geheimdienst ihn erpressen. Da halfen die Freunde: Alsop informierte Bohlen, Botschafter in Moskau, der wiederum Wisner. Am Ende schrieb Alsop einen Bericht, der zwar erst im Jahre 2007 deklassifiziert wurde, dessen Inhalt aber die wichtigsten Leute in Washingtons damals kannten.

          Bemerkenswert daran ist, dass das nicht das Ende von Alsops Karriere war. Der konzentrierte sich fortan auf John F. Kennedy, den er für den „perfekten Kandidaten“ für das Präsidentenamt hielt - mit „F. D. Roosevelt’schen Qualitäten“ - und den er auf jede mögliche Art im Wahlkampf unterstützte und dabei zum Ärger von Präsident Eisenhower die nicht vorhandene „Raketenlücke“ erfand. Er wurde Freund und Berater des Präsidenten mit privilegiertem Zugang zum Weißen Haus. Als Kennedy ermordet wurde, brach für ihn eine Welt zusammen („mein halbes Leben“). Von da an ging es denn auch bergab. Diesen Niedergang beschreibt Herken im zweiten Teil seines lesenswerten Buches, das mit dem Jahr 1975 endet. Alsop verteidigte unbeirrt den Vietnam-Krieg, was ihn letztlich sein Ansehen kostete. Am 30. Dezember 1974, nur vier Monate vor Ende des Vietnam-Krieges, erschien „Matter of Fact“ zum letzten Male.

          Im Jahr 2012 gab es am Broadway das Theaterstück „The Columnist“ über Alsop - und wurde nach drei Monaten abgesetzt. Ein Kritiker hatte geschrieben: „An Joseph Alsop erinnert sich niemand mehr.“ Dank Herken erinnern wir uns wieder an ihn - und an eine längst vergangene Zeit in Washington.

          Gregg Herken: The Georgetown Set. Friends and Rivals in Cold War Washington. Verlag Alfred A. Knopf, New York 2014. 494 S., 29,- €.

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