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„Antifaschistischer Schutzwall“ : Bewachte Bewacher der DDR

  • -Aktualisiert am

Als die Grenzer schießen sollten: Ausbildung in Halberstadt im Mai 1968 Bild: Ch.Links Verlag

Die an der Grenze stationierten Soldaten sollten nach Ansicht der SED durch das Hervorkehren eines „unverrückbaren Klassenstandpunkts“ den Charakter einer Elitetruppe haben. In der Realität war davon so gut wie nichts zu spüren.

          Was wäre eigentlich, wenn es die DDR und die schier unüberwindliche „Staatsgrenze“, mit der sich die SED-Diktatur umgab, heute noch gäbe? Wir müssten uns mit der paradoxen Situation auseinandersetzen, dass die „Mauer“ und die staatlichen Bewacher die heutigen Flüchtlinge daran hindern könnten, in ein Land zu wechseln, in das sie ohnehin nicht würden fliehen wollen.

          Was jedoch das „Grenzregime“ bis zum Jahr 1989 bedeutete, beleuchtet Jochen Maurer. Über den Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, den Alltag am Todesstreifen und die Öffnung der Mauer im Herbst 1989 gibt es an und für sich genügend Literatur. Warum also eine weitere Studie? Die Arbeit bietet, aus zahlreichen Archiven geschöpft, neues Material, gibt anschaulich einen institutionengeschichtlichen Überblick zu den Grenztruppen des „zweiten deutschen Staates“ und erlaubt dank zahlreicher in den Text eingefügter Dokumente auch einen gewissen Einblick in das Denken derjenigen jungen Wehrdienstleistenden und Zeitsoldaten, die durch ihren Dienst an der „Staatsgrenze“ zum Erhalt des Unrechtsregimes beitrugen - und auf der anderen Seite von der Stasi und den Behörden der „Volksarmee“ selbst permanent misstrauisch überwacht wurden.

          Die in vielerlei Hinsicht berechtigte Paranoia der Machthaber beruhte auf dem Verdacht, dass selbst viele ihrer „Grenzschützer“ am liebsten selbst auf die andere Seite wechseln wollten. Daher standen den jungen Soldaten der Grenztruppen trotz ihrer angeblichen elitären Stellung mit dem MfS die „Bewacher der Bewacher“ als Aufsichtsorgan gegenüber. In Verbindung mit der daraus erwachsenden Mischung von Misstrauen, Vorsicht und Angst sorgte die gering bemessene Freizeit mit Absicht dafür, dass eine Kameradschaft, die für das Regime möglicherweise unerwünschte Folgen hätte zeitigen können, gar nicht erst entstehen konnte. Vielen Wehrpflichtigen ging es jedoch, wie es in allen Armeen üblich ist, in der Regel einfach nur darum, den oftmals eintönigen Dienst und Schichtdienst hinter sich zu lassen. Sie zählten sehnsüchtig die Tage bis zu ihrem Dienstende - was sie im Übrigen mit den Rekruten der Bundeswehr auf der anderen Seite der Grenze verband.

          Obwohl die DDR durchmilitarisiert war, lassen die verschiedenen Grenzabschnitte durchaus signifikante Unterschiede erkennen: Das „Grenzkommando Nord“ umfasste die nördlichen Teile der innerdeutschen „grünen“ Grenze. Daran schloss südlich das „Grenzkommando Mitte“ an, das die Region um Berlin und Potsdam inkorporierte und als der „Normalfall“ des Grenzregimes bezeichnet werden kann. Der südliche Abschnitt entsprach der Grenze zum „Bruderstaat“ Tschechoslowakei. Während die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik durch Stacheldrahtverhaue, Kontrollstreifen, Signalzäune, Beobachtungstürme und Panzersperren gesichert war, sah es zwischen DDR und Tschechoslowakei auf den ersten Blick weniger martialisch aus: Über weite Strecken gab es gar keine Mauer, sondern eine abgesteckte Zone. Die DDR bestand in diesen Abschnitten darauf, von einer „Friedensgrenze“ zu sprechen. Schilder, Schlagbäume und ein einfacher Grenzzaun prägten das Bild. Aber wenige hundert Meter weiter erwartete den „Grenzgänger“ auf der tschechoslowakischen Seite ein ähnlich strenges Grenzsystem, wie es die DDR gegenüber dem „Klassenfeind“ aus dem Westen errichtet hatte.

          Die an der Grenze stationierten Soldaten sollten nach Ansicht der SED durch das Hervorkehren eines „unverrückbaren Klassenstandpunkts“ den Charakter einer Elitetruppe haben. In der Realität war davon so gut wie nichts zu spüren. Offiziere und Unteroffiziere waren durch den stupiden und bei der Bevölkerung geringgeschätzten Dienst unzufrieden und frustriert. Zahllose Versetzungsgesuche zeugen davon, dass der Soldatenberuf im Arbeiter-und-Bauern-Staat wenig attraktiv war: Von einem Korpsgeist, wie er zu jeder Elitetruppe gehört, konnte jedenfalls nicht die Rede sein. Die Wehrpflichtigen wiederum sahen sich einem ständigen Drill und scharfen Disziplinarmaßnahmen ausgesetzt.

          Bringt diese in weiten Teilen als Milieustudie angelegte Arbeit aber nicht die Gefahr mit sich, durch den Blick auf den Alltag des Grenzregimes und seiner Soldaten zu viel Verständnis für die menschenverachtende SED-Herrschaft aufzubringen? Der Verfasser meistert dieses Problem souverän, indem er zahlreiche Mythen dekuvriert und dekonstruiert. Zunächst kann er zeigen, dass der berühmt-berüchtigte „Schießbefehl“ aus militärischer Sicht „ohne jeden Zweifel einen eindeutigen Befehl darstellte, auch wenn er ausschließlich mündlich gegeben wurde“. Weil viele der jungen Grenzsoldaten wussten, dass sie im Fall des Falles nicht nur auf Flüchtlinge, sondern auch auf fahnenflüchtige Kameraden schießen mussten, führte dies bei vielen zu einer „inneren Ablehnung des Grenzregimes“. Ob sie dann jedoch tatsächlich, wie viele es später beteuert haben, „danebengeschossen“ hätten, lässt sich kaum überprüfen.

          Auch das von der SED propagierte angebliche Miteinander zwischen Grenzsoldaten und Grenzbevölkerung war eine Fiktion. Insgesamt zeichnet Maurer ein ernüchterndes Bild eines leidlich funktionierenden Überwachungsorgans einer Diktatur. In mancher Hinsicht erklärt diese unrühmliche Aufgabe auch die blasse Rolle der „Grenzschützer“ im Moment der Implosion der DDR: Die Grenztruppen und das MfS öffneten am 9. November 1989 „ohne einen einzigen Schuss die Schlagbäume an den Grenzübergängen und entließen die DDR-Bevölkerung in die lang ersehnte Freiheit“.

          Jochen Maurer: Halt - Staatsgrenze! Alltag, Dienst und Innenansichten der Grenztruppen der DDR. Ch. Links Verlag, Berlin 2015. 492 S., 50,- €.

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