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Anspruch und Wirklichkeit : Ein Teelöffel „Katzenpipi“, dann fällst du um

Bild: Buchcover /Ardey Verlag

Wenn Institutionen, in denen Menschen geholfen werden soll, eklatant versagen, passieren schreckliche Dinge.

          Seit die Deutsche Bischofskonferenz ihre Studie über sexuellen Missbrauch vorgestellt hat, liegt ein dunkles Kapitel der Bundesrepublik wieder aufgeschlagen auf dem Tisch der Öffentlichkeit. Denn Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat es auch in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft gegeben, die formal streng an der Würde des Menschen ausgerichtet ist und das keineswegs nur im familiären Kontext oder an den äußersten Rändern der Gesellschaft. Nein, solche Gewalt geschah auch unter kirchlicher und staatlicher Aufsicht. Sie hatte teils System, sie wurde geduldet und verdrängt. Die Gewalt zeigte dabei sehr unterschiedliche Gesichter: An Orten wie der Odenwaldschule waren es sexuell motivierte Taten im Zeichen der Reformpädagogik, während in römisch-katholischen Einrichtungen zumeist ein autoritärer Klerikalismus den Hintergrund der Gewalt bildete. Viele Heimkinder wiederum bekamen in Gestalt der schwarzen Pädagogik vor allem die Nachwirkungen autoritärer Gesellschaftsmodelle am eigenen Leib zu spüren.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Einen weiteren Beitrag zur Aufklärung solcher Vergehen an Schutzbefohlenen leistet nun eine Studie zu den Gewalterfahrungen junger Psychiatriepatienten im sauerländischen St. Johannes-Stift, die Franz-Werner Kersting und Hans-Walter Schmuhl vorlegen. Die „Anstalt für geistig behinderte Kinder und Jugendliche“ in Marsberg war im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 1980 mit über tausend Bewohnern zumeist heillos überbelegt, was von den Autoren als eine wesentliche Ursache für die Missstände identifiziert wird. In dem St. Johannes-Stift wurden bei weitem nicht nur junge Patienten mit psychiatrischen Diagnosen untergebracht. Das Spektrum reichte von geistig Behinderten über straffällige Jugendliche bis zu irgendwie auffälligen Kindern und Jugendlichen. Sie alle waren in Marsberg unter völlig unzureichenden räumlichen Bedingungen zusammengepfercht. Unter Rückgriff auf den Soziologen Erving Goffman beschreiben die Autoren das St.Johannes-Stift als eine „totale Institution“, die auf die Überwachung sämtlicher Lebensäußerungen abstellt, um einen möglichst störungsfreien Betrieb zu ermöglichen. Das Buch wäre wohl auch ohne diesen Überbau zustande gekommen, doch bewährt sich das Konzept der „totalen Institutionen“ für die Marsberger Jugendpsychiatrie: Der Ansatz schärft den Blick dafür, wie allumfassend die Kontrolle dort war: Der Stuhlgang, das „Abtopfen“, war auf eine bestimmte Zeit terminiert, und musste in der Gruppe und der Reihe nach verrichtet werden; jedes Kind bekam dafür exakt fünf Blatt Toilettenpapier zugeteilt. Die Mahlzeiten, die von früheren Insassen als übelriechender Pamp beschrieben werden, mussten vollständig verzehrt werden. Wer nicht aufessen konnte, dem wurde das Essen buchstäblich reingeprügelt. Und wer sich übergab, musste das Erbrochene nach übereinstimmenden Berichten auslöffeln. Die körperliche Gewalt in Marsberg hatte etliche Facetten: Mal war es das Personal selbst, das mit der Hand, einem Rohrstock oder anderen Gerätschaften zuschlug. Die Mitarbeiter ordneten aber auch „Gruppenkeile“ durch andere Bewohner an oder es wurden sogenannte „Hausburschen“ mit der Züchtigung beauftragt. Die Repression kannte kaum Grenzen. Wer am Daumen lutschte, wurden mit kaltem Wasser traktiert, in das zusätzlich Eisklumpen hineingeworfen wurden. Auch Bettnässen wurde derart geahndet, aus heutiger Sicht völlig kontraproduktiv. Zum Einsatz kamen aber auch Elektroschocks und Isolation in Einzelzellen. Am gefürchtetsten war jedoch die Fixierung in Zwangsjacken sowie die Ruhigstellung durch Medikamente. Truxal – genannt „Hustensaft“ – oder Pipamperon – „Katzenpipi“ – wurden den Kindern und Jugendlichen offenbar in teils hohen Dosen verabreicht. „Drei Tage bist du dann außer Gefecht“, berichtet ein ehemaliger Bewohner. „Dann kriegst du nichts mehr mit. Fällst du um. Und dann wirst du zwanghaft wachgehalten.“ Nicht nur die Ärzte der Anstalt, auch Schwestern und Pfleger durften Medikamente eigenständig verabreichen; die Grenzen zwischen Therapie, Bestrafung und Betriebsoptimierung waren dabei fließend.

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