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Annika Mombauer: Die Julikrise; Christa Pöppelmann: Juli 1914 : Furcht und Selbstüberschätzung

  • -Aktualisiert am

Eine Deckelvase aus dem Jahr 1917 mit dem Porträt von Kaiser Wilhelm II. in Felduniform im Landesmuseum Greifswald Bild: ZB

Zwei Fritz Fischer-„Enkelinnen“ ziehen in ihren Neuerscheinungen über die Juli-Krise 1914 gegen Christopher Clarks „Schlafwandler“-These zu Felde.

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          Auch nach hundert Jahren lässt sich trefflich über den Kriegsbeginn 1914 streiten. Die Verantwortung der Entscheidungsträger in der Juli-Krise kann trotz der Quellenmassen nur schwer bestimmt werden, weil sich alle beteiligten Mächte bereits während jener fünf Wochen darum bemühten, eigene Absichten zu verbergen und andere Staaten weitmöglichst zu täuschen. Darauf macht Annika Mombauer in ihrem flüssig geschriebenen und durch treffende Zitate aufgepeppten Bändchen aufmerksam. Die in Großbritannien lehrende Historikerin lässt sich nicht durch die „Schlafwandler“-These von Christopher Clark sedieren und verortet - wie einst Fritz Fischer - den Hauptteil der Verantwortung „in den Entscheidungen Österreich-Ungarns und Deutschlands“.

          Den Krieg hätten einflussreiche Kreise in Wien und Berlin „absichtlich“ riskiert, und Paris und Petersburg wären „bereit“ gewesen, „diesen Krieg zu führen, wenn er denn käme“. Kriegsbefürworter habe es auch auf der Seite der Entente-Mächte gegeben, jedoch in Wien und Berlin übten „die kriegslustigen Militärs den größten Einfluss auf ihre politischen und diplomatischen Kollegen aus“. Das Sarajevo-Attentat nahm Wien demnach als willkommene Gelegenheit für eine Abrechnung mit Serbien. Und darin sei die Donaumonarchie von deutschen Diplomaten mit Staatssekretär Gottfried von Jagow an der Spitze immer wieder bestärkt worden - schon vor, dann während und auch nach der Übergabe des Ultimatums in Belgrad am frühen Abend des 23. Juli.

          Unklar sei damals gewesen, „ob sich Großbritannien zur Neutralität oder für die Entente entscheiden würde“. Außenminister Sir Edward Grey und der deutsche Botschafter in London, Fürst Karl Max von Lichnowsky, waren laut Mombauer die auf Vermittlung und Kriegsvermeidung dringenden Akteure, die dann durch die Wilhelmstraße absichtlich „getäuscht“ worden seien. Grey habe ehrlich und ernsthaft eine friedliche Lösung finden wollen. Dennoch wurde ihm später vorgeworfen, er wäre „schuld an der Eskalation der Krise; hätte er eher erklärt, dass Großbritannien nicht neutral bleiben würde, hätte dies die Situation entschärfen können“. Solche Spekulationen weist Mombauer entschieden zurück.

          Berlins militärisches Vorgehen gemäß dem von Generalstabschef Helmuth von Moltke überarbeiteten Schlieffen-Plan habe durch den „Einfall in Belgien“ zwar den „offiziellen Anlass für die britische Kriegserklärung“ vom 4. August geliefert, „aber in den Diskussionen im Kabinett spielte Belgien keine große Rolle“. Die Entscheidung für die Unterstützung Frankreichs und Russlands „beruhte stattdessen vor allem auf der Tatsache, dass man letztendlich in Whitehall ein feindliches Deutschland weniger fürchtete als ein feindliches Russland. Mit einem solchen Argument oder gar wegen Serbien wäre die britische Bevölkerung allerdings kaum vom dem Waffengang zu überzeugen gewesen. Das unglückliche Belgien eignete sich stattdessen hervorragend als Propagandavehikel, konnte man doch hier zeigen, dass sich Deutschland skrupellos über ein neutrales Land hermachte.“ Bei allen an der Juli-Krise beteiligten Mächten diagnostiziert Mombauer übrigens eine allgemein verbreitete Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.

          Christa Pöppelmann kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen, geht allerdings anders vor - weniger Analyse und mehr Erzählung, „Tag für Tag“, mit erklärenden Rückblicken auf die Vorgeschichte und Einblicken in wissenschaftliche Kontroversen, unter besonderer Berücksichtigung der „Stimmung“ in der deutschen Presse und der Bevölkerung, die von der Reichsleitung „belogen und betrogen“ worden seien. Ins „Zentrum des Irrsinns“ möchte die studierte Journalistin vorstoßen und den „Interpretationsspielraum“ der Ereignisse aufzeigen. Für sie hatte Fritz Fischer wohl recht mit der Behauptung, dass Deutschland „kaltblütig und bewusst“ den Weltkrieg angezettelt habe.

          Die „wahren Gründe der Katastrophe“ von 1914 lägen „in dem fatalen Dreiklang aus Verkennen, Überheben und Angst. Schuld am Ersten Weltkrieg war das Leben in Scheinwelten.“ Es habe in Deutschland ein fatales „Überlegenheitsgefühl“ gegeben. Schließlich lobt die Autorin bei ihrer allzu sehr auf Deutschland verengten Fleißarbeit, dass Christopher Clark alle Großmächte „kritisch unter die Lupe“ nehme: „Dabei kommt Deutschland recht kurz weg und wird sehr milde beurteilt.“

          Annika Mombauer: Die Julikrise. Europas Weg in den Ersten Weltkrieg. Verlag C. H. Beck, München 2014. 128 S., 8,95 €.

          Christa Pöppelmann: Juli 1914. Wie man einen Weltkrieg beginnt und die Saat für einen zweiten legt. Ein Lesebuch. Clemens Scheel Verlag, Berlin 2013. 324 S., 19,95 €.

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