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Die Grünen 1987 bis 1990 : Angst vor dem Computer und vor der Einheit

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Hubert Kleinert, Bärbel Rust und Thomas Ebermann am 19.11.1987 Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Protokolle der Fraktion „Die Grünen“ erlauben spannende Einblicke in das Innenleben der Partei von 1987 bis Ende 1990, als die „westdeutsche Komponente“ den Wiedereinzug in den Bundestag verpasste.

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          Die späten 1980er Jahre waren für die Grünen eine Zeit der Wechselbäder. Zunächst schwammen sie auf einer Welle des Erfolgs. In Hessen regierte erstmals Rot-Grün auf Landesebene, und nach dem Unfall von Tschernobyl wuchs die Angst vor der Atomkraft. 1987 zogen die Grünen entsprechend mit über acht Prozent gestärkt in den Bundestag ein. Zugleich erreichte jedoch der innerparteiliche Streit zwischen „Fundis“ und „Realos“ einen neuen Höhepunkt. Mit dem Scheitern der hessischen Regierung brach die Frage der künftigen Koalitionspolitik verstärkt auf. Nach Tschernobyl engagierten sich zudem auch die anderen Parteien verstärkt im Umweltschutz. Viele Grüne fürchteten nun, die Meinungsführerschaft in diesem Feld abzugeben. Im Zuge des Mauerfalls verloren schließlich die Themen und Positionen der Grünen an Bedeutung, so dass die westdeutschen Grünen 1990 den Einzug in den Bundestag verfehlten und in ihre tiefste Krise stürzten.

          Die jüngst edierten 131 Protokolle der Fraktion der Grünen, ergänzt um eine CD und weitere Dokumente, zeigen somit das Innenleben während einer besonders interessanten Zeit. Sie verdeutlichen, dass die Grünen noch längst keine gewöhnliche Partei waren. Gleich in der ersten Sitzung forderten sie eine „neue Streitkultur“, die sie auslebten. „Das Menschwerden lernt sich nur in der Reibung an anderen Menschen!“, formulierte Bärbel Rust noch in der Fraktionssitzung am 30. Mai 1989. Die Fraktionsprotokolle dokumentieren jedoch vielfach, wie sehr die Abgeordneten unter den inneren Konflikten litten. Waltraud Schoppe klagte etwa auf einer Fraktionsklausur 1987 über „Neid und Missgunst“ gegenüber der Parteiprominenz. Viele „säßen misstrauisch auf der Lauer, um im passenden Moment zuzuschlagen“. Gertrud Schilling ergänzte: „Sie fühle sich wie in einem Umerziehungslager, in dem alle Ecken und Kanten abgeschliffen werden sollen.“ Fast jeder Schritt wurde deshalb in den Sitzungen abgestimmt, zumeist mit vielen Gegenstimmen.

          Zugleich waren die Grünen jedoch äußerst produktiv. Wie auch die informative Einleitung der Edition betont, brachten sie in der Legislaturperiode von 1987 bis 1990 mehr Gesetzesvorlagen ein als die SPD und stellten 80 Prozent aller kleinen Anfragen. Fortlaufend gaben die Abgeordneten Pressemeldungen heraus, so dass man intern beklagte, diese würden kaum noch rezipiert. Dabei erneuerte die Fraktion gleich auf der ersten Sitzung den Beschluss, keine Interviews mit der „Bild“Zeitung zu führen, wenngleich knapp, mit 19 zu 18 Stimmen. Stattdessen setzte sie auf eigene mediale Inszenierungen. Vor dem Einzug zur ersten Sitzung beschloss sie bereits, beim Betreten ein Transparent gegen die Volkszählung zu entrollen, alle Frauen in die erste Reihe zu plazieren und Halstücher mit Aufschriften zu tragen.

          Im Vergleich zu den ersten Jahren professionalisierte sich die Fraktion der Grünen. 1987 verabschiedete sie erstmals eine Geschäftsordnung, und die Rotation der Abgeordneten wurden von zwei auf vier Jahre erhöht - außer bei den Landesverbänden Berlin und Hamburg. Dennoch arbeiteten die Büros der Grünen anders. Die Angst vor der Überwachung führte etwa dazu, dass ihre Abgeordneten 1987 die Einrichtung von Computern ablehnten. Schließlich gestatteten sie 1989 die Anschaffung von zehn PCs, aber den ISDN-Anschluss verweigerten sie aus Angst, ausgespäht zu werden. Ohnehin sahen sie, so Bärbel Rust am 30. Mai 1989, Computer als „Flucht aus der direkten Kommunikation“, als Entsinnlichung, Standardisierung und Jobkiller, der besonders Frauen verdränge.

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