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Bilder einer Ära : Bilder einer Kanzlerin

Aus dem Buch „AM“ von Andreas Herzau. Foto Andreas Herzau/Nimbus Verlag Bild: Andreas Herzau/Nimbus Verlag

Bundeskanzlerin ist Angela Merkel noch. Aber dieser Bildband kam gerade rechtzeitig zum Abschied als CDU-Vorsitzende.

          Zu den Sisyphusaufgaben eines Bundeskanzlers gehört es, zu Lebzeiten das Bild bestimmen zu wollen, das sich die Welt von ihm macht – oder von ihr, der Bundeskanzlerin. Was auch immer Angela Merkel dafür tat, es spielt bis heute eine Rolle, dass sie die erste Frau in diesem Amt ist, besser gesagt: nicht ein Mann. Angela Merkel machte zunächst, als sie noch Bundesministerin, dann kurz Generalsekretärin der CDU war, nicht den Eindruck, dass ihr das besonders wichtig war. Denn sie ist (fast) frei von Eitelkeiten, die in der politischen Männerwelt bisweilen groteske, auch tragische, sogar zerstörerische Blüten treiben. Aber sobald Merkel im Kanzleramt angekommen war, änderte sich das: Sie veränderte ihr Äußeres, um allen zu signalisieren, dass sie fortan die völlige Kontrolle über ihre Umgebung, ihre Erscheinung, ihr Tun haben werde – spricht daraus die Souveränität der Macht oder – ob Mann oder Frau – die Angst vor dem Versagen, vor dem Verlust?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Der Hamburger Fotograf Andreas Herzau hat Merkel in dieser Zeit eingefangen, genauer gesagt: in der Zeit, als Merkel im Umgang mit der Öffentlichkeit und dem Bild, das sie dort abgeben wollte, schon recht routiniert umging, in den Jahren nach 2009, also in den Jahren von „Merkel II“ und „Merkel III“, der schwarz-gelben und ihrer zweiten großen Koalition. Herzaus Bildband zeigt sie nur auf einer Fotografie als die Merkel, die sie „vor ihrer Zeit“ einmal war, auf einer Autogrammkarte, die ins Bild gehalten wird und die sie als „Kohls Mädchen“ zeigt – gegenüber, auf der rechten Seite, ist sie die Staatsfrau, die demonstriert, dass sie dieses „Mädchen“ nur äußerlich, aber vor sich selbst niemals war. Eine geniale Gegenüberstellung: was Merkel aus ihrer Öffentlichkeit macht und wie das Bild aussieht, das sich diese Öffentlichkeit von Merkel macht. Es ähnelt dem ihrer Vorgänger: Je länger im Amt, desto mehr Menschen finden sich, die sie verehren, auch anhimmeln, desto mehr aber auch (davon gibt es in diesem Band allerdings nichts zu sehen), die ihrer überdrüssig sind.

          Aber Herzau versteht sein Buch nicht als „Liebeslied“ (wie kommt er nur darauf?), sondern als „fotografische Untersuchung“ einer Politikerin, die sich dem „medialen Machotum“ entzieht. Wenn Merkel etwas gelungen ist, dann die Perfektion eines Regierungsstils, von dem sich nur schwierig ein Bildnis zu machen ist. Schon gar nicht, wenn man glaubt, es reiche dafür ein Bild von ihr.

          Andreas Herzau: AM. Nimbus. Kunst und Bücher AG, Wädenswil am Zürichsee 2018. 108 S., 32,–

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