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Anfänge des BND : Fadenkreuz, Feuerwerk, Futtertrog

  • -Aktualisiert am

Das Siegel des Bundesnachrichtendienstes Bild: dpa

In seinen Memoiren „Der Dienst“ gab Reinhard Gehlen 1971 vor, dass er sich stets auf Gefahren aus der großen weiten Welt konzentriert habe, was ihm Eingeweihte und halbwegs Informierte nie glaubten.

          Die seit 1946 unter amerikanischer Oberaufsicht operierende Organisation Gehlen avancierte just am 1. April 1956 zum Bundesnachrichtendienst. An der Spitze verblieb der frühere Leiter der „Abteilung Fremde Heere Ost“ in Hitlers Heeres-Generalstab, Reinhard Gehlen. Jetzt durfte er sich Präsident nennen, was ihn kaum darüber hinwegtröstete, dass er sich mehr Kompetenzen - in Form eines Bundessicherheitshauptamtes, zuständig für Inland und Ausland - gewünscht hatte. In seinen Memoiren „Der Dienst“ gab er allerdings 1971 vor, dass er sich stets auf Gefahren aus der großen weiten Welt konzentriert habe, was ihm Eingeweihte und halbwegs Informierte nie glaubten.

          Immerhin nutzte „Dr. Schneider“ - so der bevorzugte Deckname - seine Erinnerungen dazu, Kostproben nicht nur konspirativer Operationen, sondern auch geheimdienstlicher Obstipationen zu liefern. Beispielsweise habe Martin Bormann „als prominentester Informant und Berater“ des Kremls „für den Gegner schon zu Beginn des Russlandfeldzuges“ 1941 gearbeitet. Unabhängig voneinander hätten Abwehr-Chef Wilhelm Canaris (der später hingerichtete Hitler-Gegner) und er selbst „die Tatsache“ ermittelt, „dass Bormann über die einzige unkontrollierte Funkstation verfügte“. Ein „gezielter Ansatz zur Überwachung des neben Hitler mächtigsten Mannes in der nationalsozialistischen Hierarchie“ sei ausgeschlossen gewesen. Gehlen prahlte damit, durch „zwei zuverlässige Informationen“ seit den 50er Jahren Gewissheit zu haben, dass Bormann „perfekt abgeschirmt in der Sowjetunion lebte“: Er „war bei der Besetzung Berlins durch die Rote Armee übergetreten und ist inzwischen in Russland gestorben“.

          Solche Märchen waren für die Sensationspresse ein gefundenes Fressen. Ohne seine Memoiren wäre der 1979 verstorbene Gehlen vielleicht längst der Vergessenheit anheimgefallen. Die 40 Jahre nach dem Erscheinen von „Der Dienst“ berufene Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945 bis 1968 (UHK), ausgestattet mit insgesamt 2,2 Millionen Euro aus Bundesmitteln, legte Anfang Oktober erste Monographien zu einer Gesamtgeschichte der Ära Gehlen vor. Diese soll auf dreizehn Bände mit gigantischen 7000 Seiten anschwellen. Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, um Pullacher Mythen und Legenden zu zerstören, „braune Wurzeln“ freizulegen und die Kontinuität in den Feindbildern über 1945 hinaus herauszukristallisieren.

          Die UHK und ihr Forscherteam haben „freien Zugang zu allen derzeit noch klassifizierten und bisher bekannt gewordenen Akten des Untersuchungsraumes“, sind aber verpflichtet, „die Manuskripte durch eine Überprüfung seitens des BND auf heute noch relevante Sicherheitsbelange freigeben zu lassen“. Die UHK ist „bei keiner historisch bedeutsamen Information einen unvertretbaren Kompromiss eingegangen“, heißt es im Vorwort.

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