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Andreas Förster (Herausgeber): Geheimsache NSU : Schmutzige Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Gedenktafel für die NSU-Opfer am Halitplatz in Kassel Bild: dpa

Das NSU-Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe war nicht allein, die Behörden haben Informationen und Fahndungen verschleppt, der Untersuchungsausschuss des Bundestags wurde getäuscht.

          Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) gilt mit dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos offiziell als aufgelöst. Das mag wohl sein - aber ist die Sache damit erledigt? Nein, sie ist vielmehr eine „Geheimsache“ geworden. Andreas Förster und seine Mitautoren zeigen uns, was es damit auf sich hat - es ist ein Infekt, der sich tief in das Wesen der Gesellschaft gefressen hat. „Es ist fast nicht möglich, unverhüllt die schmutzige Wirklichkeit zu sehen, ohne selbst darüber zu erkranken“, klagte einst der Dichter Hölderlin und zog daraus seine Konsequenzen, indem er sich mit allen Anzeichen des Wahnsinns in einen Turm zurückzog. Heute heißt die Krankheit Misstrauen, und sie ist eine gefährliche Seuche. Sie breitet sich aus zwischen Behörden, Parlament und der Öffentlichkeit, in der niemand mehr glaubt, was mitgeteilt wird.

          Zehn Morde, vierzehn Banküberfälle, zwei Sprengstoffdelikte und das Versagen beim Aufdecken der Wahrheit. Ein Skandal? In welcher Hinsicht? Die „Häufung falscher oder nicht getroffener Entscheidungen und die Nichtbeachtung einfacher Standards lassen [. . .] den Verdacht gezielter Sabotage und des bewussten Hintertreibens eines Auffindens der Flüchtigen zu“, so heißt es beißend im Abschlussbericht des Thüringer Untersuchungsausschusses. Einen weiter gehenden Vorwurf kann man sich kaum vorstellen. Ihn zu formulieren heißt, den Behörden Beihilfe, Begünstigung und - womöglich - „Strafvereitelung“ zu unterstellen, und dies tut der Bericht.

          Was der Abschlussbericht akribisch dokumentiert, erzählen die Autoren in dem von Andreas Förster herausgegebenen Band auf journalistisch griffige Weise und kommen dabei immer wieder zu einem verheerenden Ergebnis: Das Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe war nicht allein, die Behörden haben Informationen und Fahndungen verschleppt, der Untersuchungsausschuss des Bundestags wurde getäuscht. Im Ganzen bescheinigen sie insbesondere den Strafverfolgungsbehörden eine machiavellistische Verschleierungstaktik, die es unmöglich macht, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.

          Die zehn Autoren konzentrieren sich auf einige wesentliche Fälle und Zusammenhänge: vor allem auf den Anschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn, wobei Michèle Kiesewetter stirbt und in den womöglich Beamte oder V-Leute des Verfassungsschutzes und des amerikanischen FBI verstrickt sind, womöglich aber nicht Mundlos und Böhnhardt; sie entwirren mögliche Verbindungen des Trios mit einer Ku-Klux-Klan-ähnlichen Vereinigung in Baden-Württemberg, beleuchten die thüringische Neonazi-Szene, reflektieren das Scheitern des parlamentarischen Untersuchungsausschusses und gehen dem „Showdown in Eisenach“ mit den beiden Haupttätern Mundlos und Böhnhardt nach. Für Andreas Förster „sind die Rätsel jenes Tages der Schlüssel zur Frage, wer wirklich hinter dem NSU steckt und ob die Behörden tatsächlich so ahnungslos waren, wie sie sich gaben“. Jedenfalls ist der Verdacht, ein dritter Mann könnte an dem Schusswechsel in dem Wohnwagen beteiligt gewesen sein, nicht nur nicht von der Hand zu weisen, der Abschlussbericht des Thüringer Untersuchungsausschusses nennt sogar ausdrücklich mögliche Gründe „gegen die These vom Suizid“.

          Diese ganze NSU-Affäre ist hoch brisant und enthält schwerste Vorwürfe gegen die ermittelnden Behörden und einzelne Personen. Tatsächlich sind fast alle dieser Vorwürfe berechtigt, jedenfalls teilen sehr viele Menschen - der Rezensent eingeschlossen - das Misstrauen gegen die Institutionen, das Verfahren, die Methoden und mutmaßen Verschleierungen, Blindheit gegenüber rechts. Der Frage, wie es zu diesem Misstrauen hat kommen können, gehen auch die Autoren der „Geheimsache NSU“ nach. Ihre Antwort ist klar: Es wurde viel zu viel verschleiert, zu viel vertuscht, versteckt, es gab nicht nur Fehler, sondern auch Verstrickungen, unheilige Allianzen, Gesinnungen. Es gab nach der „Wende“ auch historische Konstellationen, die das Aufkommen rechter gewaltbereiter Gruppierungen in Thüringen beispielsweise gefördert haben, und es gab Überforderungen: „Das Versagen des Verfassungsschutzes im NSU-Skandal ist die Folge des institutionellen Größenwahns eines - nicht nur in Thüringen - selbstherrlich agierenden und ideologisch verkrusteten Geheimdienstes, der sich parteipolitischen Maßgaben seiner jeweiligen Innenminister mehr verpflichtet fühlt als seiner Verantwortung als Schutzorgan eines demokratischen Gemeinwesens.“ Die Fragen der Autoren sind derartig haarsträubend, dass man ihren Worten nicht glauben mag. Ein Glück für die Autoren, dass mit der Veröffentlichung des Abschlussberichtes des Thüringischen Untersuchungsausschusses wenigstens der Rezensent sagen kann: Was in diesem Buch steht, lässt sich durchweg belegen.

          Andreas Förster (Herausgeber): Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2014. 315 S., 22,- €.

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