https://www.faz.net/-gpf-7jvas

Andrea Röpke/ Andreas Speit (Herausgeber): Blut und Ehre : Von Musikanten und Mördern

  • -Aktualisiert am

Mahnmal für die Opfer der NSU-Terrorzelle in München Bild: dpa

Eine Beschäftigung mit der Geschichte des Rechtsterrorismus hätte Ermittler, Medien und Gesellschaft früher auf die Spur der NSU-Verbrecher gebracht.

          Lange unentdeckt von den Sicherheitsbehörden, ermordeten die NSU-Terroristen über Jahre unschuldige Menschen in Deutschland und fotografierten einige Opfer auch noch beim Sterben. Ohne rechtsextreme Zeichen an den Tatorten zu hinterlassen oder Bekennerschreiben zu verschicken, lebten sie jahrelang unbehelligt im Untergrund. Obwohl Terrorismus auch eine Kommunikationsstrategie ist, übernahmen die Mörder lange Zeit keine auch nur verbale Verantwortung für ihre Morde - vermutlich ahnten sie, welchen Fahndungsdruck sie damit auslösen würden. Auch deshalb hat kaum jemand in Deutschland nachhaltig und frühzeitig die Frage gestellt, ob Rechtsterroristen hinter den Morden stecken könnten. Erst nach dem Tod der Täter verschickte ihre Komplizin ein Bekennervideo, das von einem starken Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus, Zynismus und Nihilismus zeugt.

          Die kaltblütigen und feigen Morde des Thüringer Terrortrios haben die Öffentlichkeit erschüttert. Seither erscheinen zahlreiche Bücher über den NSU. Immer wieder werfen Verlage eher oberflächliche Werke über die Zwickauer Zelle auf den Markt. Wohltuend unterscheidet sich davon das neue Buch von Andrea Röpke und Andreas Speit, die als Fachjournalisten für Rechtsextremismus gelten und als Sachverständige in Untersuchungsausschüssen agieren. Für ihre mutigen Recherchen haben sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

          Das zentrale Ziel der beiden Autoren - und ihrer journalistischen Mitstreiter Julia Jüttner, Andreas Förster und Anton Maegerle - besteht darin, nicht nur den NSU und seine Hinrichtungen zu analysieren, sondern auch die historischen Hintergründe des Rechtsterrors auszuleuchten und sein gegenwärtiges Umfeld aufzuhellen. Damit verbinden die Autoren zwei zentrale Thesen. Erstens hätte eine nähere Beschäftigung mit der Geschichte des Rechtsterrorismus doch Ermittler, Medien und Gesellschaft früher auf die Spur der NSU-Verbrecher bringen können. Tatsächlich gibt es viele Parallelen zu früheren Strukturen des Rechtsterrorismus, etwa die ideologische Herkunft der Täter. Auch verschicken Rechtsterroristen - wie die Geschichte der Bundesrepublik zeigt - gemeinhin eher selten Bekennerschreiben. Neben Analogien offenbart ein historischer Vergleich einige Besonderheiten des NSU. Dazu gehört dessen Modus Operandi, insbesondere die beispiellose Brutalität, unschuldige Menschen in Serie strategisch geplant und gezielt - face-to-face oder auch hinterrücks - zu erschießen, um sie mitten aus dem Leben zu reißen. Leider liefert das Buch keinen auch nur halbwegs gründlichen Vergleich, der Ähnlichkeiten und Unterschiede von NSU und früherem Rechtsterrorismus (etwa die „Hepp-Kexel-Gruppe“) verdeutlichte.

          Zweitens halten Röpke und Speit das NSU-Umfeld für breiter, als es momentan scheint. Auch deshalb wäre es nach Auffassung der Autoren weniger schwierig gewesen, den NSU zu enttarnen. Tatsächlich erschien 2010 eine CD der Band „Gigi & die braunen Stadtmusikanten“, auf der es heißt, die „Döner-Mörder“ hätten schon „neunmal gekillt“. Pflegten die Täter auch nach ihrem Abtauchen stärkere und engere Kontakte zu gewaltorientierten Rechtsextremisten als bislang bekannt - trotz aller Konspiration? Gab es mehr Hintermänner und Helfer, etwa bei „blood & honour“ (darauf rekurriert der Buchtitel) - trotz der breiten Diskussion nach 2000 gerade in Thüringen über behördliche Zuträger in der rechtsextremistischen Szene? Röpke und Speit liefern hierzu lediglich plausible Spekulationen.

          Die Autoren präsentieren ein akribisches und solides Buch, das wichtige Informationen über die Geschichte und Gegenwart des Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik zusammenfasst. Mit ihrem Werk beweisen sie viel Empathie für (potentielle) Opfer von Rechtsextremismus und Gewalt. Freilich bleibt noch viel zu tun, um den NSU parlamentarisch, juristisch, journalistisch und wissenschaftlich zu analysieren.

          Der letzte Satz des Buches mahnt, die Bundesrepublik brauche „dringend eine andere Kultur in der kritischen Auseinandersetzung mit rechtsextremem Gedankengut und rechter Gewalt“. Was die Autoren mit anderer Kultur genau meinen, bleibt unklar. Tatsächlich wäre es beispielsweise hilfreich, wenn die demokratische Mitte - jenseits von wohlmeinenden Sonntagsreden und Großdemonstrationen - stärker im Alltag konkret vor Ort an der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus mitwirkte, um das Thema weniger linksextremen Sektierern zu überlassen. Denn deren „antifaschistisches“ Engagement leidet unter gravierenden Glaubwürdigkeitsdefiziten, weil sie oft nicht nur Rechtsextremismus bekämpfen, sondern auch die demokratische Grundordnung unterminieren wollen, die „kapitalistisch“ und damit fast „präfaschistisch“ sei. Davon fühlen sich weite Teile der demokratischen Mitte abgeschreckt. Eine stärkere Beteiligung von lupenreinen Demokraten an gesellschaftlicher Gegenwehr könnte daher Legitimität, Akzeptanz und damit die Effizienz von Engagement gegen Rechtsextremismus erhöhen.

          Andrea Röpke/ Andreas Speit (Herausgeber): Blut und Ehre. Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2013. 286 S., 19,90 €.

          Weitere Themen

          Fünf Kinder kommen bei Kita-Brand ums Leben Video-Seite öffnen

          Pennsylvania : Fünf Kinder kommen bei Kita-Brand ums Leben

          Lokale Medien berichteten, die Kinder hätten in der Einrichtung übernachtet, während ihre Eltern arbeiteten. Sie sollen zwischen 10 Monaten und acht Jahren alt gewesen sein. Zu diesen Angaben wollten sich die Ermittler zunächst nicht äußern.

          Topmeldungen

          „Sie wollte nicht in einem Staat leben, den zu lieben ihr plötzlich wieder aufgetragen wurde. Der Bundeskanzlerbub verlangte das“, schreibt Marlene Streeruwitz.

          Chronik der Regierung Kurz : Was der Kanzlerbub wollte

          In ihrem Roman „Flammenwand“ verquickt Marlene Streeruwitz österreichische Politik und das Liebesleid ihrer Protagonistin Adele. Das Buch ist zugleich Chronik der türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz.
          Mahar will keinen Bruch mit seiner Familie, aber er hat sich entschlossen, zu seiner Frau zu stehen.

          Zwischen den Welten : Die Freundin, die keiner kannte

          Mit Mitte zwanzig war er noch Single. Zumindest glaubte das seine Familie. In Wirklichkeit hatte er eine Freundin, eine Deutsche, eine Andersgläubige. Und da lag das Problem.

          Transfercoup nach Saisonstart : Coutinho lenkt von Bayerns Defiziten ab

          Die Münchner versuchen, sich das 2:2 gegen Hertha zum Saisonstart der Bundesliga schönzureden. Da hilft es, dass nach dem Spiel zwei Transfers bekannt werden. Einer davon ist spektakulär.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.