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Analysen für den Geheimdienst : Hoffnung auf ein besseres Deutschland

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In seiner Ausarbeitung vom Herbst 1944 warnt Franz Neumann beispielsweise davor, den Überlegungen von Finanzminister Morgenthau Jr. zu folgen. Die Zerstörung der deutschen Industrie, schrieb der Sozialdemokrat, würde „soziale und ökonomische Spannungen verursachen, die zu sozialen Unruhen führen und über einen langen Zeitraum erhebliche Kraftanstrengungen erforderlich machen würden“. Ein derartiger Karthago-Friede werde die gesamte europäische Wirtschaftsstruktur in Mitleidenschaft ziehen und den Kommunisten in die Hände arbeiten. Mit Sicherheit würde sich eine Deindustrialisierung der größten europäischen Volkswirtschaft so auswirken, „dass eine Einbindung Deutschlands in die Wirtschaft der UdSSR in den Augen der allermeisten Deutschen die attraktivste Lösung darstellen würde“.

Härte gegen NS-Verbrecher und dienstfertige Funktionseliten erschien den OSS-Analytikern dagegen ebenso erforderlich wie eine Durchsetzung der Umerziehung, gegen die gerade diejenigen Militärs, Beamten, Juristen, Propagandisten, Akademiker und zu „Mitläufern“ mutierten Ehemaligen das größte Geschrei erhoben, die sie am nötigsten hatten. Tatsächlich gewannen Kirchheimer und Neumann „entscheidenden Einfluss auf die Erarbeitung des rechtsphilosophischen Gerüsts der alliierten Kriegsverbrecherprozesse“, wie Axel Honneth, der gegenwärtige Leiter des Instituts für Sozialforschung, unterstreicht.

Die drei Analytiker sahen auch, dass die Nazi-Partei und ihre Prätorianer keineswegs allein für die erstaunliche Effizienz des Raubstaates verantwortlich waren. Daher entstand eine Liste mit den Namen von 1800 Geschäftsleuten und Wirtschaftsfunktionären, die scheinbar unpolitischen Organen außerhalb der NSDAP angehörten, die aber „für den Aufstieg und den Fortbestand des Nazismus von entscheidender Bedeutung waren“. Auch sie sollten interniert werden.

Weder dies noch ihre weitreichenden Empfehlungen für einen gründlichen Umbau der Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen, die den Aufstieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus nach ihrer Überzeugung ermöglicht hatten, wurden Bestandteil der Besatzungs- und Deutschlandpolitik der Vereinigten Staaten. Der Anfang 1946 fühlbar werdende amerikanisch-sowjetische Gegensatz und ein von den machtpolitischen Realitäten abgelöster, zu hysterischer Ideologie verkommener Antikommunismus machten solche Ansätze rasch obsolet.

Marcuse erging sich darüber ebenso wenig in Illusionen wie über die neuen „Volksdemokratien“ in Ostmitteleuropa. In einer letzten Analyse vom Sommer 1949 schrieb er, obgleich die Kommunisten durch ihren Widerstand gegen die deutsche Besetzung erhebliches Prestige erworben hätten, seien sie dort „ganz oder teilweise von außen, im Gefolge der Sowjetarmee, an die Macht gekommen. Das diktatorische System, das sie errichteten, entspricht nicht dem Willen der Bevölkerung und in einigen dieser Gebiete gibt es Berichten zufolge faktisch keine Anhänger im Volk.“

Diese Erkenntnis wird das State Department nicht überrascht haben. Der in den letzten Kriegs- und den ersten Besatzungsjahren erreichte Zenit des intellektuellen, wenn auch selten unmittelbar politischen Einflusses der Emigranten-Gruppe war überschritten. Die Hinterlassenschaft ihres geheimen Wirkens ist ein Monument der Hoffnung auf ein besseres Deutschland.

KLAUS-DIETMAR HENKE

Franz Neumann/Herbert Marcuse/Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland. Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943-1949. Herausgegeben von Raffaele Laudani. Aus dem Englischen von Christine Pries. Campus Verlag, Frankfurt 2016. 812 S., 39,95 €.

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