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Als das Ende kam : Die Letzten ihrer Art

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Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu, aufgenommen am 24. November 1989 während einer Rede auf dem Parteikongress in Bukarest. Bild: Picture-Alliance

Ältere werden sich an die Fotos der alten Männer erinnern. Die Ostblockführer klammerten sich an die Macht, die Dissidenten an vage Hoffnungen.

          Man kennt die sieben Herren noch, die Ende Mai 1987 als Generalsekretäre und Leiter ihrer Delegationen zum Treffen des Politischen Beratenden Ausschusses (PBA) des Warschauer Paktes in Ost-Berlin zusammengekommen waren und deren Gruppenbild nun den Umschlag des Sammelbandes ziert: Gustáv Husák, Todor Schiwkow, Erich Honecker, Michail Gorbatschow, Nicolae Ceausescu, Wojciech Jaruzelski und János Kádár – alle mittleren Alters und mittlerer Statur, in gedecktem Anzug, mit schwarzen Schuhen, weißem Hemd und Krawatte, selbst der regelmäßig gemusterte Teppichboden, auf dem sie standen, schien zu ihrem Auftritt zu passen.

          Sie waren Angehörige einer Generation, alle kurz vor oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg geboren, nur Gorbatschow in ihrer Mitte war deutlich jünger. Meist einfacher Herkunft, hatten sie als Heranwachsende die wirtschaftlich schweren, politisch turbulenten Jahre der Zwischenkriegszeit miterlebt, denen der furchtbare Zweite Weltkrieg, der Sieg der sowjetischen Armee und die Machtübernahme der kommunistischen Parteien in Osteuropa folgten, also jener Parteien, als deren Repräsentanten sie nach Ost-Berlin gekommen waren.

          Die Schattierungen von Grau waren Ergebnis eines Nivellierungsprozesses, einer gemeinsam durchlebten Geschichte: von der Errichtung der kommunistischen Diktatur, zu den Säuberungen des Spätstalinismus, über die allmähliche Entstalinisierung seit Mitte der fünfziger Jahre. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde der Machtanspruch der kommunistischen Parteien, mit stetem Verweis auf den „Kalten Krieg“, nicht aufgegeben, was alle Reformansätze im Keim erstickte – selbst wenn dabei die parteioffizielle, ideologisch-weltanschauliche Legitimierung des Systems, immer mehr in einer formelhaften Sprache und Vorstellungswelt (von Marxismus-Leninismus, Imperialismus und Kapitalismus, Klassenfeind, Klassenkampf und Ausbeutung) erstarrt, mehr und mehr an Überzeugungskraft verlor. Flankierend wurde – wie vordem schon in der Sowjetunion – auf die eigene ruhmreiche nationale Geschichte und Tradition zurückgegriffen, garniert mit Wohlstandsversprechungen, wie es Chruschtschow mit seinem Parteiprogramm von 1961 (unter dem Slogan vom „Ein- und Überholen“) vorgemacht hatte.

          Die im Band versammelten, durchweg aufschlussreichen kurzen Lebensläufe dieser „letzten Generalsekretäre“ illustrieren diesen gemeinsamen Weg, aber auch die länderspezifischen Unterschiede und Sonderwege, in der Tschechoslowakei, Bulgarien und der DDR, in Rumänien, Polen und Ungarn, nicht zuletzt bei der sowjetischen Führungsmacht. Dass die Vorgestellten de facto nicht immer die „letzten Generalsekretäre“ waren (manche noch Nachfolger hatten), ist den Herausgebern natürlich bewusst, was erst recht für Tito (1892-1980), Breschnew (1906-1982) und Gierek (1913-2001) gilt, deren Lebensläufe zusätzlich in den Band aufgenommen wurden.

          Als die Generalsekretäre Ende Mai 1987 in Ost-Berlin zusammenkamen, unterstützten sie die Abrüstungsvorschläge, die Gorbatschow im Vorjahr dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, beim Gipfeltreffen in Reykjavik, gemacht hatte: Unverzüglich sollte ein „Abkommen zur Beseitigung aller amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen“ unterzeichnet, das Wettrüsten beendet, ein entsprechendes Kontrollsystem etabliert, die „Teilung des Kontinents in einander feindlich gegenüberstehende Militärblöcke“ überwunden und die wirtschaftliche und technologische „Zusammenarbeit“ verstärkt werden. Dahinter stand nicht nur die gemeinsame Sorge um den Frieden. Mit ihr verband sich die Hoffnung, dass eine Minderung der Rüstungslasten es erleichtern würde, die Wohlstandsversprechungen endlich einzulösen, die sie seit den sechziger Jahren auf den Parteitagen immer wieder abgegeben hatten. Schließlich war materieller Wohlstand zum Maßstab für die Zukunftsfähigkeit, zur Messlatte in der Konkurrenz der Systeme geworden.

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