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Alltag im Krieg : Geborgenheit in Briefen

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Brief von Walther Lüders aus dem KZ Neuengamme, 9. Juli 1944 Bild: "Was macht die Welt, in der wir zu Hause sind?", Walther, Lina und Axel Lüders.

Das alltägliche Leiden der Familie Lüders in der Endphase des Zweiten Weltkriegs - erzählt in Briefen.

          Was macht die Welt, in der wir zu Hause sind?“ So fragt Walther Lüders in einem Brief an seine Frau Lina am 12. Dezember 1943. Lüders - früheres KPD-Mitglied mit Kontakten zum Widerstand - ist seit Januar 1942 wieder Häftling in einem Konzentrationslager, sein 24 Jahre alter Sohn Axel kämpft an der Ostfront, seine Frau wohnt in einem Notquartier, nachdem das Haus der Familie bei den alliierten „Gomorrha“-Angriffen auf Hamburg im Sommer des Jahres in Flammen aufgegangen ist. Die „Welt, in der wir zu Hause sind“, ihre Heimat, ein normaler Alltag, all das existiert zu dieser Zeit nicht mehr.

          Aus ihren jeweiligen Perspektiven berichten Walther, Lina und Axel Lüders ab Januar 1942 in (der Zensur unterliegenden) Briefen und bieten so einen unmittelbaren, sehr privaten Einblick in ihre Seelen, in die Gegenwart einer Diktatur und eines Krieges, der immer aussichtsloser und daher immer grausamer wird. Was nicht offen benannt werden kann, findet sich zwischen den Zeilen. Es ist das Medium „Brief“, das dieser kleinen Familie die Geborgenheit und Unterstützung gewährt, die ihnen im Alltag fehlt.

          Die Zusammenschau ihrer Briefe ist trotz einiger Lücken ein bedrückendes Zeugnis und zugleich ein Ausdruck von Hoffnung. Wie Lina Lüders am 16. Juli 1943 schreibt: „Ach Junge, alle meine Wünsche manifestieren sich überhaupt nur in dem einen: ,Wenn der Krieg vorbei ist!' Die Hauptsache für uns ist, nur dieses Ziel lebend und gesund zu erreichen. Wir drei.“ - „Meine liebe Mu!“, so beginnt der Sohn seine Briefe an die Mutter. Lina Lüders ist das verbindende Element zwischen den beiden Männern der Familie, denn direkte Schreiben Axels an den Vater gibt es nicht. Lediglich bei einem Fronturlaub wird ihm ein Besuch gestattet. Die Mutter berichtet ihrem Mann, was der Sohn schreibt, und dem Sohn, was der Vater aus der Haft schreibt; sie schreibt lange Passagen für den jeweils anderen ab. Für Walther Lüders sind die Briefe seiner Frau Rückhalt und bieten begehrte Informationen über den Sohn. Ihre regelmäßigen Lebensmittelpakete sind im entbehrungsreichen Lageralltag lebensrettend, sein Dank dafür und weitere Wünsche - wie Briefmarken - Hauptgegenstand seiner Schreiben.

          In Gedanken sind alle drei stets verbunden. Ein Brief vom 31. Juli 1941 endet mit den offenen Worten: „Vergiß bitte niemals, Pa von mir die allerherzlichsten Grüße zu übermitteln! Bei jeder meiner Handlungen denke ich: ,Hätte auch Pa so gehandelt?' Ach, könnte ich doch schreiben, was mir mein Gefühl sagt und nicht die Logik vorschreibt.“ Axel deutet daher erlebte Grausamkeiten lediglich an und schmückt seine Briefe von der Front nicht nur mit Zeichnungen, sondern flieht nachgerade in poetische Beschreibungen der russischen Landschaft. Doch auch dieser Ausweg verdüstert sich immer mehr, wie Axel am 10. April 1944 notiert: „Wenn je Poesie um einen Krieg gesponnen wurde, so hat er jetzt alles das eingebüßt, was einmal das ,Großartige' des Krieges ausmachte. Völlig nackt und voll von Grauen tobt er wie ein Sturm um zerschossene Dörfer, Moosinseln und zerrissene Waldstücke, denen man kaum noch ansehen kann, dass sie einmal in Ruhe und Sonnenschein aufwuchsen.“

          Der Rückzug der Wehrmacht hat längst begonnen, alle Kräfte werden für den „totalen Krieg“ mobilisiert. So wird Walther Lüders - wie 71 andere politische Häftlinge - Anfang November 1944 aus dem Konzentrationslager Neuengamme heraus zur „SS-Sturmbrigade Dirlewanger“ zwangsrekrutiert und zur Bekämpfung slowakischer Partisanen eingesetzt. Sein letzter Brief an die Ehefrau stammt von Anfang Dezember: „Aber marschieren werden wir, wohin weiß niemand.“ Er gerät in sowjetische Gefangenschaft und gilt als verschollen. Axel wiederum kämpft in Lettland und in Danzig gegen die heranrückende Rote Armee. Die große Flucht hat bei Schneefall und eisigen Temperaturen begonnen. Am 28. Januar notiert Axel voller Mitgefühl: „Doch all die vielen glitzernden Kristalle können das unsagbare Leid auf den Wegen und in den Straßen dieser Stadt nicht unter seiner ständig anwachsenden Decke verbergen. Auf allen Wegen sieht man die Flüchtlinge in langen Trecks, oder einzeln, mit primitiven Fahrzeugen und Schlitten durch die hochverschneiten und fast verstopften Straßen ziehen. Jeder geht oder hastet auf seinen Wegen in ein ungewisses Schicksal.“ Letzteres trifft auch auf Axel Lüders zu. Seine Einheit gerät in die verlustreiche Kesselschlacht von Danzig im März, doch er schafft es nach Westen. Sein letzter Brief trägt das Datum des 12. Juni 1945.

          Nach dem Tod von Axel Lüders im Januar 1997 sichtete seine Frau Elsa Maria zunächst die Briefe von Walther Lüders, später die von Lina und Axel Lüders. In Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme entstand die Idee, diese wertvollen Dokumente - leicht gekürzt - zu veröffentlichen. Durch sie entsteht ein einprägsames Bild vom Innenleben dreier Menschen im Alltag des „Dritten Reiches“, ihres Mutes und ihrer Ängste, ihrer kaum vorhandenen Handlungsspielräume und ihres Wunsches, gemeinsam zu leben.

          Walther, Lina und Axel Lüders: „Was macht die Welt, in der wir zu Hause sind?“ Briefe 1942-1945. Donat Verlag, Bremen 2010. 280 Seiten, 16,80 Euro.

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