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Alles vergebens? : Ächzend unter der Last

Der Halbmond auf dem Minarett der Abubakr Moschee in Frankfurt hebt sich als Schattenriss vor der Sonne ab Bild: dpa

„Integration“ wollen alle. Die Ansichten darüber, was genau das ist, gehen aber weit auseinander.

          „Scheitert die Integration am Islam?“ lautet die Unterzeile und zentrale Frage des Werkes „Die Macht der Moschee“. Die Antwort des Autors Joachim Wagner, bekannt als ehemaliger Moderator der Politiksendung Panorama, lässt sich einigermaßen knapp zusammenfassen: ja. Damit ist zugleich die größte Schwäche des Buches angesprochen: Es ist zu lang. Das liegt einerseits an der sehr sorgfältigen Auswertung der Studienlage (allein das engbedruckte Literatur- und Fußnotenverzeichnis nimmt 26 der insgesamt 351 Seiten ein), andererseits an einer ermüdenden Tendenz zur Wiederholung als besonders sinnfällig empfundener Befunde – so wird der Leser etwa an dreizehn verschiedenen Stellen daran erinnert, dass die Kölner Silvesternacht einen Wendepunkt in der Willkommenskultur markiert hat.

          Constantin van Lijnden

          Redakteur für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Diese Kritik vorangestellt, bleibt das Buch als nüchterne Bestandsaufnahme vergangener Integrationsbemühungen und finsterer Ausblick in die Zukunft gerade angesichts des Zustroms von 1,6 Millionen größtenteils muslimischen Asylbewerbern seit 2015 zeitgemäß und lesenswert. Das gilt besonders für jene Passagen, die den Kausalzusammenhang zwischen dem religiös-kulturellen Behauptungsbedürfnis in Deutschland lebender Muslime und ihrem meist miserablen Abschneiden beim Bildungs- und Berufserfolg erhellen. Dass dazu auch die wirtschaftlich schlechte Lage vieler muslimischer Familien und Ressentiments in Teilen der deutschen Bevölkerung beitragen, bestreitet Wagner nicht. Den Großteil der Schuld verortet er allerdings bei den Einwanderern selbst, die teils noch Jahrzehnte nach ihrer Ankunft kaum der Landessprache mächtig sind und deren Nachfahren sich oft sogar noch weiter von der gesellschaftlichen Mitte entfernen (so etwa bei den Türken, deren dritte Generation weniger Werteakzeptanz und Arbeitsmarkterfolg vorweisen kann als noch die zweite).

          Als Ursache macht Wagner das Geflecht aus Kultur und Religion aus, das bei Muslimen besonders dicht gewebt und schwer zu durchdringen sei. Eltern brächten ihren Kindern nicht bloß Deutsch, sondern vor allem ihre Herkunftssprache bei, was zu einer „doppelten Halbsprachigkeit“ führe. Die Integration junger Mädchen werde durch rigide Rollenbilder und religiöse Prüderie erschwert, wenn ihre Eltern ihnen etwa untersagten, am Schwimmunterricht oder an Klassenfahrten teilzunehmen. Jungen hingegen würden vielfach zu „kleinen Paschas“ erzogen, denen Disziplin und Kritikfähigkeit als Voraussetzungen gesellschaftlichen Erfolges abgingen. Integrative Angebote wie Elternabende oder offene Sprechstunden würden ausgeschlagen, die Bemühungen der staatlichen Bildungseinrichtungen vielmehr durch den Parallelbesuch von Islamschulen konterkariert. Die Verbindung zum Herkunftsland werde aufrechterhalten durch den Konsum dortiger Medien, deren Ton die Reislamisierung spiegele, wie sie sich dieser Tage etwa unter Staatspräsident Erdogan vollzieht.

          Die kulturelle Segregation und den Export radikaler Ideologien förderten auch die Islamverbände, die meist nicht mehr seien als der verlängerte Arm der sie tragenden ausländischen Regierungen. Dass die deutsche Politik den Stimmen der Verbände durch die seit 2006 stattfindende Islamkonferenz zusätzliches Gewicht verliehen und zugleich gemäßigtere Akteure an den Rand gedrängt habe, sei eine ihrer großen Verfehlungen im Ringen um ein gedeihliches Miteinander. Und dass der – noch immer dürftige – schulische Erfolg muslimischer Kinder von einem dramatischen Rückbau akademischer Ansprüche getragen werde, sei seit langem ein offenes Geheimnis der deutschen Bildungspolitik.

          Seine Analyse bringt der Autor auf einen wenig hoffnungsvollen Punkt: Deutschland vor 2015 vergleicht er mit einem Bergsteiger, der unter dem Gewicht seines Rucksacks ächzt und keucht und dann beschließt, sich weitere zehn Kilogramm aufzuladen. Die Lasten, die Wagner in diesem deutschen Rucksack verortet, wird man schwerlich leugnen können. Wünschenswert wäre allerdings der gänzlich unterlassene Vergleich zu der Art und Weise gewesen, wie die Integration im (europäischen) Ausland geschultert wird. Und verblüffend wirkt nach der Lektüre des Buches weniger sein Inhalt als seine Rezeption: Schließlich war viel von dem, was der Autor hier zusammenträgt, schon 2010 in „Deutschland schafft sich ab“ zu lesen. Dass Wagner Schulterzucken erntet, wo Sarrazin ein Sturm der Entrüstung ereilte, mag man als positives Signal für die deutsche Gelassenheit verstehen. Ein positives Signal für die Zukunft der Integration ist beides nicht.

          Joachim Wagner: Die Macht der Moschee.

          Scheitert die Integration am Islam?

          Herder Verlag, Freiburg 2018. 352 S., 24,– .

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