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Alfred Rosenberg : Nur ein Schlüssel zum Größenwahn

  • -Aktualisiert am

Alfred Rosenberg am 18. November 1941 in Berlin Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Während des Nationalsozialismus machte Alfred Rosenberg mit seinem Außenpolitischen Amt dem Auswärtigen Amt Konkurrenz, und sein „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ war von 1940 an vor allem mit dem europaweiten Raub von Kulturgütern beschäftigt.

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          Die Jagd nach den Tagebüchern des ehemaligen Chefideologen der NSDAP Alfred Rosenberg glich einem Krimi. Auf dubiose Weise hatte sich Robert M. W. Kempner, einer der Ankläger in den amerikanischen Nachfolgeprozessen in Nürnberg, die Kladden aus dem Fundus der Beweisdokumente angeeignet. Nach Kempners Tod 1993 waren sie nicht mehr auffindbar. Journalisten, Detektive und Behörden der Vereinigten Staaten machten sich auf die Suche und konnten 2013 die Dokumente sicherstellen. Als sie dem Holocaust Memorial Museum in Washington übergeben wurden, vermutete die deutsche Presse einen „hochbrisanten“ Inhalt in dem „Sensationsfund“.

          Der Autor der Aufzeichnungen war zu diesem Zeitpunkt fast siebzig Jahre tot. Er hatte zu den frühsten Gefolgsleuten Adolf Hitlers gehört. Während des Nationalsozialismus machte er mit seinem Außenpolitischen Amt dem Auswärtigen Amt Konkurrenz, und sein „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ war von 1940 an vor allem mit dem europaweiten Raub von Kulturgütern beschäftigt. 1941 erfolgte die Ernennung zum Leiter des „Ministeriums für die besetzten Ostgebiete“, welche die Wehrmacht in der Sowjetunion eroberte. Nach Kriegsende stellten ihn die Alliierten als einen der Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht. Ende 1946 wurde er hingerichtet.

          Jetzt liegen seine Tagebücher aus den Jahren 1934 bis 1944 als Edition vor, herausgegeben und kommentiert von Jürgen Matthäus (United States Holocaust Museum) und Frank Bajohr (Institut für Zeitgeschichte). Strenggenommen handelt es sich aber nicht um Tagebücher im eigentlichen Sinn, sondern eher um tagebuchähnliche Aufzeichnungen und Retrospektiven. Wie die Herausgeber betonen, seien es mehr „Erinnerungsposten“ des Verfassers als ein Tagebuch. Ein solches wollte Rosenberg offensichtlich gar nicht anlegen, denn er vermerkte am 6. September 1940, er sei zu faul, ein „systematisch geführtes Tagebuch“ zu schreiben.

          Nicht selten liegen Monate zwischen den Einträgen, so dass es kaum möglich ist, sich entwickelnde, am Tagesgeschehen orientierte Gedankengänge des Verfassers nachzuvollziehen. Zu wichtigen Wegmarken der NS-Diktatur wie den „Nürnberger Rassegesetzen“ von 1935, den Novemberpogromen von 1938 oder dem Überfall auf Polen 1939 findet sich wenig, oder es ist mit teils großer Verzögerung rückblickend nachgetragen worden. Auch in die Tätigkeit des „Einsatzstabes“ oder des Ostministeriums gewinnt der Leser keine tieferen Einblicke. Dies liegt auch an der Schreibfaulheit des Autors. Ein entscheidendes Kriegsjahr wie 1943 kommt gerade einmal auf fünfzehn Einträge. Die Tagebücher des Propagandaministers Joseph Goebbels füllen dagegen als Edition für die Jahre 1924 bis 1945 über zwanzig Bände. Rosenbergs 400 Seiten wirken da mehr als schmal.

          Für den Verlag sind die „Tagebücher“ dennoch „ein Schlüsseldokument zur Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust“. Doch gerade Letzterer kommt in den Aufzeichnungen so gut wie nicht vor. Die deutschen Verbrechen im Osten und an der jüdischen Bevölkerung schimmern nur ansatzweise durch und bleiben meist ungenannt. Im Vordergrund steht dagegen vor allem Rosenberg selbst, wie es bei autobiographischen Aufzeichnungen zu erwarten ist. Mit viel Eigenlob beschreibt er unermüdlich seine Verdienste und registriert mit feinen Sensoren zudem jeden Gunsterweis seines „Führers“, dem er unterwürfig ergeben ist. Rosenbergs Ausführungen belegen insbesondere die in der Forschung mittlerweile unbestrittene starke Stellung Hitlers, die dieser in einem feudal-ähnlichen Herrschaftsmodell einnahm. Nichts ging ohne seine Zustimmung, und die Höflinge waren von ihm abhängig. Zur Herrschaftsausübung mit Hilfe von Tischgesprächen notierte Rosenberg beispielsweise 1940: „Wenn er ein Thema besonders behandelt, weiß er auch, dass seine Tafelrunde für gebührende Verbreitung sorgt. So sind diese Gespräche zugleich politische Parteierziehung.“

          Rosenbergs Abscheu galt seinen Intimfeinden Joseph Goebbels und dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Am Auswärtigen Amt ließ Rosenberg kein gutes Haar. Der Diplomat Karl Ritter etwa sei „überreif für ein Konzentrationslager“. Die durchgängigen schriftlichen Attacken sind ein gutes Beispiel für die endlosen Kleinkriege der NS-Satrapen um Kompetenzen und ihren Platz innerhalb des Regimes, sie sind aber auf die Dauer auch ermüdend zu lesen. Empathie brachte Rosenberg besonders gegenüber sich selbst zum Ausdruck, bei anderen - seien es einzelne Menschen oder ganze Völker - war er dazu nicht in der Lage. Insgesamt ist der Inhalt nicht „hochbrisant“ - wie 2013 vermutet wurde. Vieles ist bereits bekannt, wird aber hier noch einmal von einem der überzeugtesten Nationalsozialisten belegt. Wirklich neue Erkenntnisse finden sich kaum.

          Den Herausgebern Matthäus und Bajohr ist daraus kein Vorwurf zu machen. Im Gegenteil. Ihre über 100 Seiten lange Einleitung zur Analyse der Aufzeichnungen und zu Rosenbergs politischer Rolle sind viel lohnenswerter zu lesen als die sprachlich mühsamen Auslassungen des Autors selbst. Die Einleitung verortet die „Erinnerungsposten“ im historischen Rahmen von Nationalsozialismus und Judenvernichtung und reicht vieles von dem nach, was eben nicht in den Aufzeichnungen steht, nämlich die Beteiligung an Gewaltpolitik und Verbrechen. Unterstützt wird dies durch 23 ergänzende Dokumente im Anhang.

          Diese Kontextualisierung ist mehr als nötig, denn die Aufzeichnungen für sich genommen stützen eher die Ansicht der Historiker, die in Rosenberg einen zweitrangigen NS-Funktionär sehen. Er bleibt in seinen Texten oft nur Kommentator, während andere mit Terror eine Diktatur errichten und einen Weltkrieg beginnen. Er beschreibt seine Vortragsreisen, während andere an den großen Hebeln der Macht ziehen. Wo Ribbentrop 1935 ein Flottenabkommen mit Großbritannien und 1939 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion aushandelt, verweist Rosenberg kleinlich auf die Erfolge seines Außenpolitischen Amtes in Afghanistan. Das alles erweckt nicht den Eindruck einer großen Teilhabe an der NS-Herrschaft. Erst durch die Hintergrundinformationen und ergänzenden Dokumente der Herausgeber erschließen sich die Aufzeichnungen in einem tieferen Kontext. Allein „funktionieren“ sie nicht. Neben den wegweisenden Studien von Reinhard Bollmus und Ernst Piper wird die künftige Forschung zu Rosenberg an dieser Veröffentlichung nicht vorbeikommen. Dass die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen Rosenbergs aber wirklich ein „Schlüsseldokument“ zu Nationalsozialismus und Holocaust sein sollen, darf stark bezweifelt werden.

          Jürgen Matthäus/Frank Bajohr (Herausgeber): Alfred Rosenberg - Die Tagebücher von 1934 bis 1944. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 656 S., 26,99 €.

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