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Wolfgang Schnur : Zwischen Stolpe und Mielke

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Bild: dpa

Mit Hilfe des MfS gelang es Wolfgang Schnur, die begehrte Position eines „Einzelanwalts“ zu erringen. Als Anwalt für Wehrdienstverweigerer arbeitete er eng mit Manfred Stolpe zusammen, dem Chef des Brandenburger Konsistoriums.

          Hier haben wir ein DDR-Schicksal der besonderen Art vor uns. Wolfgang Schnur, der vor den Märzwahlen 1990 enttarnte Spitzel, hatte sich bereits für eine Führungsposition im vereinten Deutschland gerüstet, als ihn die Vergangenheit einholte. Der Titel des Buches ist reißerisch, aber unscharf. Wer kann entscheiden, ob es ein „Spitzenspitzel“ war? Ist man so sicher, dass es nicht noch erfolgreichere Agenten gab? Gleichwohl ist an seinem „Erfolg“ nicht zu zweifeln.

          Der Autor kannte Schnur persönlich. Dieser war sein Anwalt, als er wegen Verbreitung von Flugblättern 1984 in Haft war. Das Material, auf dem das Buch beruht, ist interessant, aber einseitig; es besteht fast ausschließlich aus seinen MfS-Akten, die den stattlichen Umfang von 41 Ordnern umfassen, von denen allerdings zwei - sicher nicht die unwichtigsten - verschwunden sind. Die Zitierweise aus diesem Quellenbestand ist völlig unbefriedigend. Dennoch verdient das Buch trotz seiner Schwächen einige Aufmerksamkeit. Die Fülle des Materials vermittelt nämlich interessante Einblicke, die weniger mit dem MfS als mit dem politischen System der DDR zu tun haben.

          Wolfgang Schnur hatte keine leichte Kindheit, aber einen unbeugsamen Aufstiegswillen, der ihm vorerst nicht viel einbrachte. 1965 unterschrieb er die Verpflichtung als Inoffizieller Mitarbeiter (IM). Sein Einsatzgebiet wurde die Kirche. Er hatte „zum Glauben“ gefunden und nahm über das evangelische Jungmännerwerk, deren Sprecher er später sogar wurde, Kontakte zu den „Bausoldaten“ auf. Das waren Wehrdienstverweigerer, die durch das Festhalten an ihrer Überzeugung einen harten Ersatzdienst in Kauf nahmen. Ihr „Ungehorsam“ machte sie in hohem Maße verdächtig.

          Die Kirche wurde vom totalitären Machtanspruch der SED nicht voll erfasst und konnte ein begrenztes Eigenleben führen. Umso wichtiger war nicht nur ihre Überwachung, sondern auch die Einflussnahme auf ihre Tätigkeit. Schnur eignete sich hervorragend für diese Aufgabe und wurde entsprechend gefördert. Nur der Stasi verdankte er die Möglichkeit zu einem Jura-Fernstudium und später die Zulassung zum Rechtsanwalt. Das sollte die Startposition für eine einzigartige Karriere werden, die er zielstrebig ausbaute. Er wurde zum geschätzten Mitarbeiter im Rahmen der Kirche und als Anwalt zum Vertrauten für politische Gefangene, mit denen er rasch eine „kleine Andacht machte“ oder mit ihnen, auf dem Boden der Zelle kniend, betete. Alles Mitteilenswerte meldete er dann an die Genossen der Staatssicherheit.

          Mit Hilfe des MfS gelang es ihm, die begehrte Position eines „Einzelanwalts“ zu erringen. Als Anwalt für Wehrdienstverweigerer arbeitete er eng mit Manfred Stolpe zusammen, dem Chef des Brandenburger Konsistoriums. Schnur war in einem schwierigen Fall für ihn besonders hilfreich. Es galt, einen Häftling zu einem Ausreiseantrag zu bewegen. Damit sollte die zu erwartende mehrjährige Gefängnisstrafe vermieden werden, aus der der Westen nur politisches Kapital schlagen würde. Die „geräuschlose Erledigung“ solcher Fälle hatte steigende Tendenz. Allerdings überrascht die Reaktion Stolpes. Er übergab dem Anwalt „einen versiegelten Umschlag mit einem Bargeldbetrag in Höhe von 20000 Mark. Dieser Geldbetrag soll zur Deckung der erheblichen Reisekosten für die Praxis verwandt werden.“

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