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Albert Südekum : Großer Genosse fühlt wie die Bosse

  • -Aktualisiert am

Revolutionspostkarte 1918/19: Friedrich Ebert, Otto Landsberg, Philipp Scheidemann, Karl Kautsky, Hermann Molkenbuhr und Albert Südekum Bild: Abb. a.d.bespr. Band

Die Sozialdemokratie wurde dem Genossen Albert Südekum nie zur Heimat. Die Wunden, die ihm die SPD schlug, als er das Amt des preußischen Finanzministers räumen musste, weil er Kontakt mit den Anführern des Kapp-Lüttwitz-Putsches aufgenommen hatte, schlossen sich nicht mehr.

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          Max Bloch, der Herausgeber der Briefe des Sozialdemokraten Albert Südekum an seine Familie, hat bereits 2009 eine Biographie über seinen Urgroßvater vorgelegt, in der er dessen politischen Lebensweg als paradigmatisch für das Scheitern der Politikergeneration Friedrich Eberts und Gustav Noskes darstellte. Durch die Edition der Briefe, die Südekum von 1909 bis 1932 an seine Frau und seine Tochter Rosemarie schrieb, möchte Bloch das „Persönliche“ seines Urgroßvaters in den Vordergrund stellen, das er in der Biographie ausgespart hatte.

          Die politisch interessantesten und auch für die Persönlichkeit Südekums aufschlussreichsten Briefe datieren aus der Kriegszeit, wobei die als Quelle ergiebigsten, die sein Mitwirken an der Abfassung der Friedensresolution des Deutschen Reichstages vom 19. Juli 1917 und seine Kritik an den politischen Fähigkeiten des neuen Reichskanzlers Georg Michaelis dokumentieren, bereits 2014 in der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ abgedruckt wurden. Als Stellvertreter des Kommissars des Belgischen Roten Kreuzes in Brüssel schilderte Südekum im August 1915 mit deutlich deutschnationalen Untertönen seiner Frau das Leid und die feindliche Stimmung, die durch die deutsche Besetzung Belgiens entstanden war: „Die Arbeit, die hier in Angriff genommen worden ist, ist unheimlich groß. Größer aber die Not, die es zu steuern gilt. Ob das überhaupt in nennenswertem Maße gehen wird, kann ich noch nicht übersehen, glaube es aber nicht. Das Belgische Bürgertum will offenbar die Not, um die ,Stimmung‘ der unteren Bevölkerung zu halten. Morgen soll wieder ein belgischer Königsaufruf heimlich verbreitet werden, worin König Albert davon phantasiert, dass er in 3 Monaten in Brüssel sein werde!“

          Während die Erzählung über eine Sauftour führender Sozialdemokraten durch das besetzte Belgien zu amüsieren vermag, klingen seine an der rumänischen Front verfassten Briefe wie Klagelieder, denn wochenlang bekam er keine Post und war von der Außenwelt abgeschnitten. Den dort verfassten Briefen lässt sich aber auch entnehmen, dass er selbst an der Front, wo er sich um die Instandsetzung zerstörter Bahnanlagen zu kümmern hatte, auf einen bürgerlichen Lebensstil nicht verzichten wollte. Im Januar 1917 lamentierte er über den „entsetzlichen Schmutz“ des „Lausenestes“ Buzen, aus dem er sich „hinaussehne nach einem anständigen Bad, Bett (etc.), Zimmer u.s.w.“. Dem folgte der von nationalen Vorurteilen zeugende Aufschrei: „Herrgott, sind diese Rumänen Schweine! Nicht einmal in Bucarest war neulich ein Bad zu haben, auch nicht im feinsten Hôtel.“

          Die Sozialdemokratie wurde dem Genossen „mit Glacéhandschuhen und Bügelfalten“ nie zur Heimat. Die Wunden, die ihm die SPD schlug, als er das Amt des preußischen Finanzministers räumen musste, weil er Kontakt mit den Anführern des Kapp-Lüttwitz-Putsches aufgenommen hatte, schlossen sich nicht mehr. So gab er in einem Brief an seine Frau vom August 1921 einen fast von Verachtung zeugenden Kommentar über den Görlitzer Parteitag der SPD ab: „Ein Blick auf die sogenannte ,Politik‘ der SPD zeigt jetzt, dass man eigentlich gar nicht mehr mittun kann. Die Hanswurstiade einer doppelten Ausfertigung des Programmentwurfs – einer mit, einer ohne Klassenkampf – ist doll; die widerwärtige Demagogenpolitik als ,opponierende Regierungspartei‘ ist einfach würdelos.“ Das Urteil war überaus ungerecht, denn im Görlitzer Programm präsentierte sich die SPD nicht mehr als proletarische Klassenpartei, sondern als linke Volkspartei.

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