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Albert Speer : Der beliebte Lügner

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Rüstungsminister Albert Speer, Großadmiral Karl Dönitz und Generaloberst Alfred Jodl (von links nach rechts) nach ihrer Festnahme am 23. Mai 1945 Bild: dpa

Schon im Nürnberger Prozess entlastete sich der Angeklagte Albert Speer durch die kecke Behauptung, sich Hitlers „Nero-Befehl“ zur Zerstörung der Industrieanlagen widersetzt und ein Giftgas-Attentat auf den „Führer“ geplant zu haben.

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          Vor fast fünfzig Jahren, am 1. Oktober 1966, öffneten sich die Spandauer Gefängnistore für Albert Speer, Hitlers Architekten und Rüstungsminister. In der Bonner Republik genoss er ein erstaunlich hohes Ansehen. Das lag an seinen Büchern und Interviews - beides gekonnt choreographiert von seinem Verleger Wolf Jobst Siedler und seinem Lektor Joachim Fest, dem Hitler-Biographen und Herausgeber dieser Zeitung (von 1973 bis 1993). „Im August 1969 ist die Arbeit an den ,Erinnerungen‘ abgeschlossen. Speer bedankt sich bei Fest für seine ,unentbehrliche Mitarbeit‘ mit einer Originalskizze Hitlers, die die für Berlin geplante Kuppelhalle darstellt und aus dem Jahr 1925 stammen soll“, erwähnt Isabell Trommer in ihrer vortrefflichen Studie über die wissenschaftliche und mediale Auseinandersetzung mit dem Star-Zeitzeugen.

          Das Bild Speers in der Öffentlichkeit rekonstruiert die Autorin minutiös anhand von Rezensionen zu den „Erinnerungen“ (1969) und den „Spandauer Tagebüchern“ (1975). Seine Sicht auf Hitler und seine Selbstbeschreibung als unpolitischer Fachmann seien „weitestgehend akzeptiert“ worden. Schon im Nürnberger Prozess entlastete sich der Angeklagte durch die kecke Behauptung, sich Hitlers „Nero-Befehl“ zur Zerstörung der Industrieanlagen widersetzt und ein Giftgas-Attentat auf den „Führer“ geplant zu haben. Das Plädoyer seines Verteidigers kulminierte in dem gruseligen Satz: „Speer musste Hitler verraten, um seinem Volk die Treue zu halten.“ Trommer arbeitet acht Leitmotive der Speer-Rezeption heraus und zerlegt sie: Zeitzeuge, Verführter, Technokrat, Leistungsträger, Widerständler, Bürger, Unwissender und Büßer. Nach Speers Tod 1981 begann seine „Entzauberung“ mit Matthias Schmidts Studie „Albert Speer. Das Ende eines Mythos“, die aber wenig Beachtung fand. „Rückschritte“ stellten demnach Speer-Biographien von Gitta Sereny (1995) und Joachim Fest (1999) dar, während das Fernseh-Doku-Drama „Speer und Er“ von Heinrich Breloer (2005) für ein breites Publikum den NS-Täter klar ins Visier nahm. In Speers Person, so Trommer, bündelten sich zentrale „Rechtfertigungsformeln“ im Umgang mit der Vergangenheit: Entlastungs- und Identifikationsangebote, die in der Bundesrepublik „gern aufgegriffen wurden“. Dabei half Speer sicherlich auch, dass ihm sogar „Nazi-Jäger“ wie Robert M. W. Kempner und Simon Wiesenthal auf den Leim gingen.

          Isabell Trommer: Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016. 367 S., 34,90 €.

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