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Aktenlage : Giftige Hinterlassenschaften

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Securitate-Akten werden 2005 in ein Institut überführt, wo sie eingesehen werden können. Bild: AP

„Die“ Wahrheit wird man in Akten in der Regel nicht finden, schon gar nicht in den ideologisch gefärbten Hinterlassenschaften kommunistischer Geheimdienste.

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          Alle Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks stehen seit 1990 vor dem Problem, mit den Hinterlassenschaften der jeweiligen Geheimpolizei angemessen umzugehen. Das betrifft sowohl die staatliche Seite, die mit der Erhaltung und Öffnung der Akten betraut ist, als auch die Wissenschaftler, die diese Akten für ihre Forschung benötigen und benutzen. Trotz einschlägiger Erfahrungen mit den Stasi-Akten in Deutschland macht daher ein Band neugierig, der methodischen Fragen in diesem Zusammenhang nachgehen will.

          Nur die Länderberichte zur Kommunismus-Aufarbeitung einschließlich des Umgangs mit den jeweiligen Stasi-Akten zu Deutschland, Rumänien, Tschechien, der Slowakei und Ungarn (Polen und Bulgarien fehlen) bilden einen einigermaßen kohärenten Block. Besonders bedenklich stimmt hier die Geschichtspolitik in Rumänien, wo seit Ende 2010 die Debatte über ein Lustrationsgesetz beendet wurde, und in Ungarn, wo die Machthaber die Akteninhalte für eigene Zwecke missbrauchen und eine Gesetzeslage geschaffen haben, die eine Benennung von Spitzeln unmöglich macht.

          Die anderen, qualitativ höchst unterschiedlichen Aufsätze sind in ihrer Thematik äußerst heterogen. Sie behandeln die Rolle der Stasi-Akten für die ostdeutsche Literaturgeschichtsschreibung genauso wie die Zensurpraxis in Rumänien, deren Effektivität vor allem durch ihre informellen Mechanismen sichergestellt wurde. Ein lesenswerter Beitrag über die Beziehungen zwischen dem MfS und der rumänischen Securitate steht neben mäßigen Abhandlungen zur staatlichen Absicherung der sogenannten Volkswahlen in der Tschechoslowakei der siebziger und achtziger Jahre, zu Berliner Lesben im Visier der Stasi und zu rumänischen Jugendsubkulturen im Visier der Securitate. Dass die Geheimpolizeien jegliche abweichende Verhaltensweise zu erfassen suchten, ist nichts Neues.

          Mehrere Beiträge zur Securitate, die ihren Überschriften nach dem eigentlichen Thema des Bandes gewidmet sind, bieten bei näherem Hinsehen keine wirklich neuen methodischen Erkenntnisse. Dass deren Akten vor allem eine Quelle zur Wahrnehmung von Individuen und Gruppen durch den Geheimdienst darstellen, ist genauso wenig überraschend wie der Befund, dass diese eine Wahrheit enthalten, nicht aber die Wahrheit. Stefan Sienerth stellt zwar die interessante Frage, ob Securitate-Akten eine „zuverlässige historische Informationsquelle oder bloßes Lügengespinst“ seien, geht diese aber nicht systematisch an. Dass von Inoffiziellen Mitarbeitern erstellte Berichte „der Hinterfragung, der Auslegung, der Bewertung“ bedürfen, ist banal. Überdies geht es ihm eher um den Wert der Akten für die Biographien rumäniendeutscher Schriftsteller, der trotz aller Fallstricke beträchtlich ist.

          Wenngleich der Band insgesamt den Eindruck einer Buchbindersynthese erweckt, gibt es einen Lichtblick: die Beiträge zur Überwachung nationaler Minderheiten und zur Kollaboration zweier prominenter Mitglieder dieser Minderheiten mit der Geheimpolizei. Wie aus einer Regionalstudie hervorgeht, sah die ungarische Staatssicherheit die nach der Vertreibung im Land verbliebenen und wieder zurückgekehrten Ungarndeutschen in den fünfziger Jahren wegen ihrer Abstammung als feindliche Gruppe an, deren nationale Kohäsion aufgelöst werden sollte. Überdies wurde mit der Aufhebung der Reiseverbote für Ungarndeutsche von und nach Westdeutschland ab den sechziger Jahren bei der Geheimpolizei das alte Feindbild der „Schwaben“ wiederbelebt, denen diese zum Teil sogar Spionage unterstellte.

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