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Aktenlage : Giftige Hinterlassenschaften

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Dass die Herrschaft über die nationalen Minderheiten Rumäniens auch auf Kollaboration beruhte, verdeutlicht der Beitrag William Totoks zu Friedrich Cloos, einem Rumäniendeutschen, der der NS-Bewegung in Rumänien angehörte und ab 1940 auch führender Volksgruppenfunktionär war. Nach dem Sturz der Antonescu-Diktatur 1944 zunächst untergetaucht, wurde er 1945 nach Verhaftung durch die sowjetische Geheimpolizei in ein Lager in der Sowjetunion verbracht, von wo er 1955 zurückkehrte. In Rumänien von der Securitate als Agent angeworben, konnte er sich als ehemaliger Häftling das Vertrauen rumäniendeutscher Gruppen erschleichen. Zahlreiche Denunziationen gehen auf sein Konto, unter anderem die des Lyrikers Oskar Pastior. Da er sich aus der Sicht der Securitate bewährt hatte, durfte er sogar in deren Auftrag zwischen 1961 und 1977 in der Bundesrepublik tätig werden, wo er rumäniendeutsche Landsmannschaften bespitzelte und beeinflusste. Mit seinen Schriften trug er zu einer Geschichtsdeutung bei, die Rumänien als Opfer des „Dritten Reichs“ darstellte und das Bündnis mit den Achsenmächten herunterspielte.

Deutliche Parallelen dazu weist die von Stefano Bottoni thematisierte Lebensgeschichte Imre Mikós auf, eines Angehörigen der ungarischen Minderheit und gleichzeitig eines führenden Mitglieds der unitarischen Kirche aus Siebenbürgen. Der Rechtsanwalt ließ sich zwischen 1940 und 1944 mit dem Horthy-Regime ein und saß als Vertreter Transsilvaniens im ungarischen Parlament. 1944, nach der Einnahme Klausenburgs durch die Rote Armee, wurde er verhaftet und in ein Lager nach Taganrog deportiert. Hier lernte er rasch Russisch und wurde einerseits für die Lagerleitung zum Vermittler zu den Gefangenen und andererseits Anführer des unter diesen gebildeten „antifaschistischen Kollektivs“. Nach seiner Rückkehr 1948 nach Rumänien wurde er Russischlehrer in seiner früheren Hochschule und übersetzte die Werke Stalins und Lenins ins Ungarische. 1958 musste er zwar im Zuge einer landesweiten Kampagne gegen „unzuverlässige Kader“ seinen Posten räumen und schlug sich ein paar Jahre als Buchhändler durch, wurde aber nach seiner vollständigen Rehabilitation Redaktionsassistent in einem Verlag für ungarische Literatur und informeller Führer der ungarischen Minderheit bis zu seinem Tod 1977. Außer in der Zeit, in der er in Ungnade gefallen war, kooperierte er immer wieder mit der Securitate. Davon überzeugt, dass er so den Ungarn in Rumänien am besten dienen konnte, fungierte er gleichzeitig als Aushängeschild für die vermeintlich „liberale“ Nationalitätenpolitik Ceauşescus. In diesem Sinne wirkte er auch auf seinen beiden Reisen in die Vereinigten Staaten und in die Bundesrepublik, Österreich und die Schweiz: Seine Vita und Verhaftung nach dem Krieg machten ihn bei den Exilungarn aus Rumänien unverdächtig, und er konnte dem Eindruck einer Unterdrückung der ungarischen Minderheit gezielt entgegenwirken.

Beide Lebensgeschichten verdeutlichen, dass die Securitate unter den nationalen Minderheiten des Landes nicht nur mit Problemen zu kämpfen hatte. Gerade weil deren Mitglieder auch von einer lebenslangen Erfahrung einer ungleichen Beziehung mit autoritären und totalitären Strukturen geprägt waren, konnten sie sich auch auf eine Kollaboration einlassen, die für die rumänische Politik nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland von Nutzen sein konnte.

Florian Kührer-Wielach/ Michaela Nowotnick (Hrsg.): Aus den Giftschränken des Kommunismus.

Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 2018. 472 S., 39,95 .

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