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Ajatollah Khomeini : Der Schlussstein einer Entwicklung

Massenprotest gegen den Schah im Januar 1979 in Teheran. Bild: Picture-Alliance

Eine Biographie über den Revolutionär des schiitischen Islams.

          4 Min.

          Die Monographie der Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur ist mehr als nur eine lesenswerte Biographie des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Khomeini (1902–1989). Denn die Autorin begnügt sich nicht damit, die charismatische Persönlichkeit eines Mannes herauszuarbeiten, der im 20. Jahrhundert die islamische Welt wie wenige andere verändert hat. Zur spannenden Lektüre wird, wie sie drei Ebenen zu einem Geflecht zusammenfügt, in dem verständlich wird, dass Khomeini lediglich der Schlussstein einer vielschichtigen Entwicklung war, die im Nachhinein geradezu zwingend erscheint.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          In einem ersten Strang zeichnet sie die Ideengeschichte Irans in der Moderne nach. So lieferten sich die schiitischen Religionsgelehrten seit dem 19. Jahrhundert lebhafte Debatten darüber, wie sie sich gegenüber der Politik verhalten sollten. Den lange dominierenden Quietisten, die sich aus jeglicher Politik heraushielten, hielten immer mehr Gelehrte einen politischen Auftrag der Kleriker entgegen. Die einen leiteten dabei aus den islamischen Quellen einen Einsatz für eine konstitutionelle Herrschaft durch die Menschen ab, andere aber aus denselben Quellen die alleinige Herrschaft Gottes, deren Durchsetzung die Aufgabe der Religionsgelehrten sei. Es war dann Khomeinis Doktrin von der „Herrschaft des (am besten qualifizierten islamischen) Rechtsgelehrten“ (velayat-e faqih), die diese Entwicklung machtvoll abschloss. Bis heute ist sie aber nicht unumstritten und wird von vielen Gelehrten auch in Iran angefochten.

          In einem zweiten Strang skizziert die Autorin die politische Geschichte Irans: den Aufstieg und Fall der Pahlawi-Dynastie, die seit den 1940er Jahren starke kommunistische Bewegung, die stark politisierte Jugend der großen Städte. Khomeini war seinem Gegenspieler, Schah Mohammad Reza Pahlawi, in allen Belangen überlegen. Während der despotisch regierende Schah immer mehr gesellschaftliche Gruppen gegen sich aufbrachte, scharte Khomeini zum Zeitpunkt der Revolution alle Oppositionellen hinter sich. Nach dem Erfolg der Revolution schaltete er diese dann aber nach und nach aus.

          Bei der Schilderung der Geschichte der Revolution und des ersten Jahrzehnts der Islamischen Republik hat die Autorin auch für westliche Leser Unbekanntes zu bieten. Sie zeigt auf der Grundlage persischer Originalquellen, wie während des Kriegs gegen den Irak von 1980 bis 1988 weniger Khomeini selbst Iran angeführt hat als vielmehr ein Triumvirat. Dem gehörten Khomeinis Sohn Ahmad, der seinem Vater gerne gefolgt wäre, sein dann tatsächlicher Nachfolger Ali Khamenei und der damalige Parlamentssprecher Ali Akbar Haschemi Rafsandschani an. Der Autorin zufolge ist Khomeini zu einem frühzeitigen Frieden mit dem Irak bereit gewesen. Die Verantwortung für das Fortdauern des Krieges trage Rafsandschani. Und es sei Ahmad Khomeini gewesen, der seinen Vater vor vielen Nachrichten abgeschirmt und den Sturz des von Khomeini selbst bestimmten Nachfolgers Ali Montazeri eingefädelt habe. Demzufolge hat Khomeini in seinen letzten Lebensjahren also wesentliche politische Entscheidungen nicht mehr selbst gefällt.

          In einem dritten Strang leuchtet die Autorin die vielschichtige Persönlichkeit Khomeinis aus. Mit seinen rednerischen Fähigkeiten, seinem organisatorischen Geschick, seiner religiösen Glaubwürdigkeit und seiner religiösen Sprache, die alle verstanden, mobilisierte er Menschenmassen. Er war immer radikaler als alle anderen, ging keine Kompromisse ein und hatte, anders als andere Akteure seiner Zeit, ein untrügliches Gespür dafür, wann eine politische Handlung erfolgversprechend war und wann nicht.

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