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Differenziertes Bild : Afrikanische Kontraste

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Segen und Fluch Ghanas: Die Abhängigkeit vom Weltmarktpreis für Kakao ist gestiegen. Bild: Nana Kofi Acquah

Nein, es ist nicht alles schlecht in Afrika. Aber man soll auch nichts beschönigen. Zwei lehrreichen Handreichungen.

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          Im Westen liegt das Donor Darling, im Osten der Failing State. Ghana und Somalia befinden sich auf demselben Kontinent, sie teilen Aspekte der afrikanischen Kolonial- und Befreiungsgeschichte und der Verortung im internationalen politischen System. Doch davon abgesehen, trennen beide Länder Welten. Was sich hinter den Schlagworten des Geberlieblings und des für immer scheiternden Staates verbirgt, untersuchen Heinrich Bergstresser in „Ghana – Die IV. Republik zwischen Vorbild und Mythos (1993–2018)“ und das Autorenduo Bettina Rühl und Marc Engelhardt in „Somalia – Warlords, Islamisten, Investoren“. Beide Bücher sind im Frankfurter Verlag Brandes & Apsel erschienen.

          Ghana nimmt schon seit langem eine Vorreiterstellung ein. Es befreite sich 1957 als eines der ersten Länder Afrikas vom Kolonialismus. Drei Jahrzehnte, mehrere Wahlen und Militärputsche später bekehrten die Ghanaer den Putschisten Jerry John Rawlings zum „leitenden Architekten“ ihres demokratischen Systems. Rawlings führte die IV. Republik von 1993 an als gewählter Präsident zwei Legislaturperioden lang an, bis er sich verfassungsgemäß nicht mehr zur Wahl stellte und die Opposition 2001 die Macht übernahm. Neben einer relativ unabhängig agierenden Justiz wird die junge Demokratie getragen von Institutionen wie der Menschenrechtskommission (Commission on Human Rights and Administrative Justice), der Wahlkommission und einer aktiven Zivilgesellschaft. Die Festschreibung sogenannter „traditioneller“ Herrschaftsstrukturen parallel zu einem De-facto-zwei-Parteien-System trägt zur Stabilität der IV. Republik bei, verstetigt aber gleichzeitig historische Ungleichheiten. So entzünden sich im vernachlässigten Norden immer wieder Konflikte entlang ethnischer Linien, denen eigentlich Repräsentations- und Landfragen zugrunde liegen.

          Auch wirtschaftspolitisch steht das Land, mit dem Deutschland als einem der wenigen Länder in Afrika eine Reformpartnerschaft eingegangen ist, weniger gut da, als der Ruf glauben lässt. Ghana krankt an der Abhängigkeit von Weltmarktpreisen für Kakao, Gold und inzwischen auch für Erdöl, was es anfällig für Korruption macht. Dennoch ist es den demokratischen Regierungen gelungen, die Zahl der Armen mehr als zu halbieren. Dazu trägt nicht zuletzt eine geschickte Außenpolitik bei, die ein diversifiziertes Netz an Partnern und Kreditgebern sichert.

          Vom Staatsmann Rawlings bis zum Geschäftsmann und aktuellen Präsidenten Nana Akufo-Addo bringt Heinrich Bergstresser den Lesern politische Charaktere und Auseinandersetzungen im demokratischen Ghana näher und baut dabei auf langjährigen Aufenthalten in Westafrika auf. An manchen Stellen verliert er sich allerdings in technischen Details. An anderen verfällt er in Wiederholungen, bedingt durch die künstlich strikte Trennung zwischen politischem System, Wirtschaft und internationalen Beziehungen. Dass er die Auswirkungen des Kolonialismus erst im letzten Drittel unter „Religion und Politik“ einführt, wirft inhaltliche Fragen auf und scheint aus der Zeit gefallen. Technokratisch angehaucht, aber kenntnisreich liest sich Bergstresser wie eine ausgedehnte Länderanalyse des Hamburger GIGA Instituts. Wer zu Ghana arbeitet, findet hier einen aktuellen Einstieg.

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