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Afghanistaneinsatz : Umsonst!

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Bild: Reuters

Der frühere Isaf-Kommandeur in Kundus, Rainer Buske, war Anfang 2008 angesichts infrastruktureller Aufbauerfolge optimistisch, dass mit dem Bau von Schulen, Gesundheitseinrichtungen oder neuen Straßen eine Modernisierung des Landes möglich sei.

          „Erlebnisbericht“: Der Untertitel ist bescheiden. Tatsächlich bietet der Autor einerseits einen spannenden Einblick in die täglichen Mühen, Verdienste, Sorgen und tödlichen Gefahren deutscher Soldaten im nördlichen Afghanistan im Jahre 2008, andererseits eine kritische Auseinandersetzung mit der erratischen Afghanistanpolitik der Bundesregierung. Der Einsatz am Hindukusch basierte vor allem auf ihrem schlechten Gewissen gegenüber den Vereinigten Staaten. Daher beeilte sich Deutschland Ende 2001 mit der Entscheidung über eine rasche Beteiligung. Damals war wenig Zeit für die Vorbereitung. Das erklärt aber nicht, dass es später an einer soliden politischen, ökonomischen und ethnologischen Lageanalyse mangelte. Sie hätte früh gezeigt, dass die Menschen in Afghanistan mit seinen archaisch-autoritären Herrschaftsstrukturen, dem illegalen Mohnanbau und der als normal empfundenen Korruption mit einer rechtsstaatlichen Demokratie nichts anfangen können. Mit dieser Erkenntnis hätten die an Isaf beteiligten Staaten den Einsatz anders anlegen und das Leben von Soldaten erhalten können. Ganz abgesehen von den hohen Einsatzkosten.

          Der frühere Isaf-Kommandeur in Kundus, Rainer Buske, war Anfang 2008 angesichts infrastruktureller Aufbauerfolge optimistisch, dass mit dem Bau von Schulen, Gesundheitseinrichtungen oder neuen Straßen eine Modernisierung des Landes möglich sei. Geglückte Sicherheitsoperationen vermittelten den Eindruck, dass die Taliban zurückgedrängt werden könnten. Aber Sprengfallen, Selbstmordattentate und Feuerüberfälle belehrten den Autor bald eines Besseren. Ernüchtert wurde er auch durch Begegnungen mit kriminellen Warlords, zwielichtigen Sicherheitskräften oder korrupten Politikern. Als dann der dialektisch argumentierende deutsche Botschafter in Afghanistan bei ihm zugunsten eines sehr finsteren Warlords (Buske: „Schweinehund“) intervenierte, verlor der Autor offenbar ganz den Glauben an eine auf Recht und Demokratie angelegte Afghanistanpolitik. Er war ohnehin irritiert durch die Bundeswehrfeindlichkeit von Vertretern des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und vor allem der Nichtregierungsorganisationen. Hinzu kam die Unfähigkeit der UN. Tatsächlich darf heute der Erfolg vieler unkoordinierter egoistischer Einzelaktionen bezweifelt werden.

          Informationsbesuche von Bundespolitikern gehören zu deren Verantwortung. Allerdings sollte man auf den Kommandeur „vor Ort“ hören, wenn er auf das Missverhältnis zwischen dem Auftrag und den verfügbaren Kräften hinweist. Beim Gefechtsfeld-Tourismus von Landes- und Kommunalpolitikern stellt sich die Frage, ob die Bundeswehr tatsächlich die Truppe mit Profilierungsneurosen belasten sollte. Der Autor sieht den Einsatz in Afghanistan als gescheitert an: alles umsonst! Die aktuelle Entwicklung gibt ihm recht. Offenbar haben Taliban Gebiete in „seiner alten“ Provinz Kundus unter ihre Kontrolle gebracht.

          Rainer Buske: Kunduz. Ein Erlebnisbericht über einen militärischen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan im Jahre 2008. Carola Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2015. 224 S., 19,80 €.

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