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Ägypten : Ein postumer Kampf der Giganten

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Menschen schwenken nach der Verkündung des offiziellen Ergebnisses der Präsidentenwahl am 2. April 2018 auf dem Tahrir-Platz ägyptische Flaggen. Bild: dpa

Der Konflikt ist uralt. Und er scheint so wenig lösbar wie viele andere Konflikte in der Region.

          Seit Jahrzehnten wird die politische Szene der arabischen Welt von einer Spannung beherrscht: der Spannung zwischen den autoritären bis diktatorischen Regierungen, die mit nationalistischem Anspruch auftreten, und einer Opposition, deren stärkste Kraft die Islamisten vieler Schattierungen sind. Exemplarisch dafür steht die Lage in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten und in mancher Hinsicht am besten entwickelten arabischen Land. Das neue Buch von Fawaz Gerges nun behandelt die neuere Geschichte Ägyptens ausdrücklich unter dem Aspekt dieser Spannung. Es zeichnet nicht nur die Entwicklung der beiden Bewegungen, Nationalisten und Islamisten, nach, sondern betrachtet sie gerade in ihrer Wechselwirkung. Das macht sein Interesse und seinen Wert aus.

          In einem großen Bogen zeichnet Gerges das Bild seines Gegenstandes: die Herausbildung des modernen Ägypten in der im späten 19. Jahrhundert etablierten kolonialen Situation, die „liberale Phase“ des Landes von 1923 bis 1952, bei immer noch eingeschränkter Souveränität und Sonderrechten für die Briten, die krisenhafte Zuspitzung der politischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer enormen Erstarkung der Muslimbrüder, der 1928 gegründeten ägyptischen islamistischen Organisation, und der Entstehung der oppositionellen „Freien Offiziere“ – alles das liefert den Hintergrund zum Verständnis des Umsturzes von 1952, als sich die beiden Bewegungen zunächst gleichsam verschränkten, dann aber heftig zusammen-stießen, was zur brutalen Unterdrückung der Muslimbrüder durch das Militärregime führte.

          Der Zusammenstoß mit den machtbewussten Muslimbrüdern trug – so Gerges’ Argumentation – zur Herausbildung des diktatorischen Regimes von Nasser bei; die brutale Unterdrückung der Muslimbrüder ließ bei manchen von ihnen eine überaus harsche, aggressive Konzeption hervortreten, was dann zur Herauskristallisierung der „geheimen Organisation“ unter der Leitung von Sayyid Qutb führte, die das Regime stürzen wollte, aber 1965 enttarnt und ihrerseits völlig zerschlagen wurde. Qutb und zwei seiner Mitverschwörer wurden gehängt. Das darf man wohl einen schweren politischen Fehler Nassers nennen, der auf diese Weise dafür sorgte, dass Qutb zu einer Märtyrer- und Heldengestalt mit großer Ausstrahlung für ganze Generationen von radikalen Islamisten wurde und dies bis heute geblieben ist.

          Dem Leben und dem Kampf seiner beiden Protagonisten, Nasser und Qutb, widmet Gerges den Hauptteil seines Buchs. Er führt die Erzählung aber weiter, behandelt auch die Regierungszeit von Sadat, der die Muslimbrüder aus ihm eigenen Gründen wieder aus dem Käfig ließ, und von Mubarak, als sie im Eisschrank gehalten wurden, wie Gerges sagt, und zwar sowohl von ihrer eigenen Führung mit ihrer starren, isolationistischen Konzeption als auch vom Regime, das sie gewähren ließ, aber in den Grenzen scharfer Beobachtung und gelegentlicher wohlkalkulierter Unterdrückungskampagnen. Zum Schluss wirft der Autor einen Blick auf die heutige Situation nach der arabischen Rebellion, der zeitweiligen Annäherung der Muslimbrüder an die Macht mit der Präsidentschaft von Mursi und ihrer erneuten, diesmal noch weit gewaltsameren Unterdrückung nach dessen Sturz. Er sieht eine Fortsetzung der alten Konstellation: hier ein kompromissloses Regime, das sich auf den Nationalismus und auf Nasser beruft, dort die Muslimbrüder, im Untergrund oder im Exil, ebenso kompromisslos, weil bei ihnen immer noch eine Führung bestimmend ist, die unter der früheren Unterdrückung und dem persönlichen Beispiel von Sayyid Qutb geformt wurde.

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