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Adolf Eichmann : Nur ein Manager der Deportationen?

  • -Aktualisiert am

Blick auf das Gefängnis bei Ramla, in dem der NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann inhaftiert war. Bild: dpa

Adolf Eichmann schrieb während seiner Haft in Israel von 1960 bis 1962 das Fragment „Götzen“; damals schob er die Verantwortung für den Holocaust auf das Auswärtige Amt unter Joachim von Ribbentrop ab.

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          Er war der letzte NS-Täter, der nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Wie andere Gefangene zuvor hat auch Adolf Eichmann während seiner Haft in Israel von 1960 bis 1962 umfangreiche Aufzeichnungen verfasst. Davon liegt jetzt das autobiographische, „Götzen“ betitelte Fragment in einer sorgfältig kommentierten Fassung vor, die der junge Schweizer Historiker Raphael Ben Nescher gefertigt hat. Text und Anmerkungen stehen sich nahezu paritätisch gegenüber, das erinnert nicht von ungefähr an die Edition des ersten „Gefängnisbuches“ zum „Dritten Reich“, an „Mein Kampf“.

          Hier wie dort steht die Selbststilisierung des Verfassers im Mittelpunkt, wird ein stark verzerrtes Bild sozialer Realität gezeichnet, das in der begleitenden Kommentierung zurechtgerückt werden muss. Eichmanns Aufzeichnungen sind dennoch wichtig. Sie gehören in einen Kontext mit denjenigen von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, auch wenn hier schreckliche Vorgänge viel stärker verhüllt und allenfalls partiell offengelegt werden. „Wo Eichmann aufhört, fängt Höß an“, stellt Ben Nescher ganz richtig fest. Eichmann berichtet über die Mechanismen der europaweiten Deportationen, über die Transporte bis an die Tore und Rampen der KZ, Höß über die grauenhaften Vorgänge in deren Innern. Beide lassen keinen Zweifel daran, dass der industriell-arbeitsteilig ablaufende Massenmord ausgeführt wurde und nicht allein der Staatsspitze bekannt war - was alle Angeklagten im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess ebenso wie manch hohe SS-Führer und andere Beteiligte später noch vehement leugneten.

          Eichmann allerdings erwähnt Massentötungen explizit nur an wenigen Stellen. Dabei sucht er sich durchweg als nahezu unbeteiligter Augenzeuge zu präsentieren, etwa bei „Probevergasungen“, wo er sich geweigert haben will, dem Todeskampf der Opfer durch ein kleines Fenster im Lkw zuzuschauen. Oder bei einer Massenerschießung durch eine der Einsatzgruppen: „Ich wollte das noch lebende Kind aus der Grube herausreißen, da zerschlug eine Kugel den Kopf. Mein Fahrer wischte mir kleine Gehirnstücke vom Ledermantel. Ich stieg in den Wagen. Ich trank Schnaps, als sei es Wasser. Ich musste trinken. Und ich dachte an meine eigenen Kinder . . .“. Doch die mehrfach erwähnten Gedanken an die eigenen Kinder bleiben folgenlos für sein Handeln - ein Beispiel für die Abspaltung und Einkapselung grauenhafter Vorgänge, die selbst einem zur Selbstreflexion kaum fähigen Autor wie ihm aufgefallen sein muss, wenn er am Ende von seiner „Zerrissenheit“ und „Gespaltenheit“ schreibt.

          Doch nicht allein deshalb gerät das Manuskript zur quälenden Lektüre. Durchweg geht es dem Verfasser darum, seine Mitwirkung an den monströsen Morden zu minimieren, jegliche Eigen- und Mitverantwortung abzustreiten - Grundmuster der NS-Täter bis in die jüngste Zeit. Immerfort ist von Pflicht und Gehorsam, vom Eid auf Hitler, aber auch von abgelehnten Versetzungsgesuchen die Rede. Da gibt es die „Götter“ Hitler, Himmler, Heydrich, die über - im Rückblick! - verbrecherische Befehle für ihn zu „Götzen“ geworden sind. Da gibt es den unmittelbaren Vorgesetzten, „Gestapo-Müller“, Muster und Vorbild eines deutschen Bürokraten, der sein Büro kaum verlässt, sogar sonn- und feiertags arbeitet. SS-Gruppenführer Heinrich Müller schickt Eichmann hinaus zu den Einsatzgruppen, in die KZ, damit er sich ein Bild machen kann und Befehle überbringt. „Ich war nur ein Bote in all diesen schrecklichen Dingen“, sagte der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Ernst von Weizsäcker, nach 1945 vor Gericht; das sagt auch Eichmann immer wieder. Ein Bote war Eichmann nicht. Er war ein Manager des Todes, der die Transporte in die Massenvernichtung so kühl, nüchtern und bar jeder Empathie für das Leid anderer organisiert, wie er früher Benzintransporte organisierte. Damit aber ist der Leser bei den großen Leerstellen im Text. Dass Eichmann in seinem Referat IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) über eine schlagkräftige Gruppe von „Eichmännern“ verfügte, mit der er und die SS die europaweiten Menschenjagden organisierten, kommt nicht vor. Irreführend ist auch, dass bei dieser Jagd das Auswärtige Amt und nicht die SS dominiert haben soll, wie er uns im Mittelteil glauben machen will, in dem die Judenverfolgung in zwölf europäischen Staaten unter deutschem Einfluss auf der Basis seiner Prozessakten aufgefächert wird.

          Die größte und schrecklichste Leerstelle aber steckt in seinen wenigen Bemerkungen über die Opfer, die Juden vor allem. Warum mussten sie sterben, wo er selbst nie Antisemit gewesen sein will, auch wenn er an einer Stelle vom „Wirtsvolk“ und „Gastvolk“ faselt? Weil die Staatsführung es befahl. Und bei allen Etappen der Verfolgung von der Ausbeutung über die Austreibung bis zur Auslöschung war Eichmann involviert. Das von ihm in Wien 1938 entwickelte „Laufband“, das beschleunigte Ausplünderungs- und Austreibungsverfahren, das ihm die Aufmerksamkeit Reinhard Heydrichs einträgt, ihn an die bürokratische Schnittstelle zwischen Regime und Verfolgten aufsteigen lässt? Ein Akt der Menschenfreundlichkeit, weil die jüdischen Antragsteller nicht mehr wochenlang zwischen Instanzen herumirren mussten.

          Später dann die Beseitigung von Kompetenzchaos und Transportproblemen durch seine straffe Koordination? Für die Deportierten eine Erleichterung, weil sie nicht mehr tagelang auf Bahnhöfen auszuharren hatten. Überhaupt sei er jüdischen Funktionären immer „wohlwollend“ begegnet, man „könnte von einem gegenseitigen dienstlich bedingten Vertrauen sprechen“, das schreibt er tatsächlich. Dieser Mann, der in seinem Glaskasten in Jerusalem unscheinbar und wie ein „Hanswurst“ (Hannah Arendt) gewirkt haben mag, war einst in Uniform gegenüber den diversen Judenräten von Wien bis Budapest als brutal-raffinierter und höchst manipulativer SS-Offizier aufgetreten, der die Opfer teilweise noch zu Komplizen zu machen verstand. All das verschweigt sein Text.

          Dennoch enthalten seine Aufzeichnungen mehr als nur Spurenelemente zur Geschichte des „Dritten Reiches“ und bestätigen Ergebnisse der Forschung seit den sechziger Jahren. Was Eichmann andeutet, ist heute Gewissheit: Die Entwicklung zum Massenmord erfolgte arbeitsteilig und in Radikalisierungsschüben, die auch von der Basis befeuert wurden - „jeder in einflussreicher Stellung wollte seine Lauterkeit als nationalsozialistischer Amtsinhaber durch Antreiben und Vorschläge im Hinblick auf die Lösung der Judenfrage unter Beweis stellen“, notiert er sich damals. Und die von ihm vielfach skizzierte Kette der Verantwortlichen und Involvierten ist tatsächlich lang, sie reicht von der SS, der Wehrmacht, der „Haupttreuhandstelle Ost“, dem Auswärtigen Amt und weiteren Ressorts bis zur Reichsbahn, den Zivilverwaltungen vor Ort und Teilen der Bevölkerung. Eichmann war nicht allein. Es gab und brauchte viele wie ihn. Das bleibt die bittere Erkenntnis.

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