Abdallah Frangi: Der Gesandte : Im Dienste Palästinas
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Abdallah Frangi (links) und Kanzler Schmidt (rechts) im Jahr 1978 Bild: Heyne Verlag
Abdallah Frangi, lange Jahre Gesandter der PLO in Deutschland, zieht eine Bilanz seines politisch bewegten Lebens.
Es muss für ihn ein grauenhafter Anblick gewesen sein, als er viele Jahre später, nach dem Hoffnungen weckenden Oslo-Prozess der Jahre 1993/94, die Ruinen seines Vaterhauses - eines ansehnlichen Anwesens bei Beerscheva - besuchen konnte. Abdallah Frangi, führender Palästinenser-Funktionär, stand vor den Trümmern jenes Hauses, von dem aus sein Vater, ein angesehener und einflussreicher Beduinen-Scheich im nördlichen Negev, seine Geschäfte betrieben und die Familie gelenkt hatte. Die Frangis mussten ihre Heimat als Folge des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948 aufgeben. Sie ließen sich im Gazastreifen nieder, der zu jener Zeit unter ägyptischer Verwaltung stand. Der junge Abdallah war gerade einmal fünf Jahre alt.
Abdallah Frangis Memoiren mit dem Titel „Der Gesandte. Mein Leben für Palästina“, mit Hilfe eines Ghostwriters verfasst, lassen fünfzig Jahre Zeitgeschichte - vornehmlich des Nahen Ostens - am Leser Revue passieren. Frangi, der länger als vierzig Jahre die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) in Deutschland repräsentierte, zieht eine Bilanz, die für ihn persönlich, aber auch für die Palästinenser insgesamt doch positiv ausfällt, auch wenn die Palästinenser noch immer um ihre Rechte und ihren Staat kämpfen müssen. Als er in den sechziger Jahren zum Medizinstudium nach Deutschland gekommen sei, hätten die Palästinenser einen äußerst schlechten Ruf genossen, heute werde ihr Anliegen in Deutschland von fast jedermann unterstützt: die Schaffung eines Palästinenserstaates an der Seite von und gleichberechtigt mit Israel.
Man wird von einem führenden PLO-Funktionär und Vertrauten des langjährigen Vorsitzenden Jassir Arafat (gestorben 2004) kaum verlangen, dass er die Verhältnisse nicht aus seiner Sicht sieht und schildert. Ein israelischer Leser wird wohl an etlichen Stellen Einspruch erheben; doch ist das Buch an keiner Stelle unfair oder gar ausfallend gegenüber Israel. Auch wer manches kritischer sehen mag - etwa die Rolle der PLO im Libanon bei Ausbruch und Verlauf des dortigen Bürgerkrieges zwischen 1974 und 1988 -, kann in diesem Buch doch den Gang der Ereignisse, wie er die Schlagzeilen der Weltpresse über viele Jahre hinweg füllte, nochmals von einem in der ersten Reihe Stehenden nacherleben: von der Gründung der al Fatah, dann der PLO bis in die jüngste Zeit hinein, da sich die Hoffnungen, welche die Palästinenser auf Präsident Barack Obama gesetzt hatten, nicht erfüllten.
Frangis eigentliche „Kampfzeit“ als Fidai ( „opferbereiter Kämpfer“) und Teilnehmer eines palästinensischen Kommandos war nur kurz und endete für seinen Stoßtrupp als Fiasko. Sein Metier wurde immer mehr die Diplomatie. Frangis und der PLO Weg entwickelten sich aus dem Widerstand heraus zum Verhandlungstisch. Nicht nur in seiner Eigenschaft als PLO-Repräsentant in Deutschland und Österreich entwickelte er ein enges Verhältnis zu Deutschland, das bis heute fortdauert; auch persönlich fand dies statt, denn seine Frau Benita ist Deutsche. Lebensmittelpunkt des Paares war lange die Bonner Gegend, später Berlin, sowie Langen bei Frankfurt, der Ort, aus dem Frangis Frau stammt. Der Rezensent erinnert sich noch an Veranstaltungen in Frankfurt, die zunächst mit Frangis Aktivität für die Organisation der palästinensischen Studenten, später mit seinem Posten als PLO-Vertreter (seit 1974 offiziell) zusammenhingen, an hitzige Diskussionen, an denen Daniel Cohn-Bendit und Dan Diner teilnahmen. Frangi schildert diese Jahre lebendig und bis in Details hinein.
„Ben Wisch“ und andere Deutsche
Mit den deutschen Politikern hatte Frangi viele Jahre lang zu tun, vor allem mit dem SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski, genannt „Ben Wisch", dessen Kenntnisse und Einsatz in vielerlei Krisensituationen Frangi gebührend würdigt, mit Hans-Dietrich Genscher und vielen anderen. Dunkelster Punkt dieser deutschen Jahre, der bis zur zeitweiligen Ausweisung Frangis führte, wurde jener verbrecherische Terroranschlag des „Schwarzen September“ auf die Münchner Olympischen Spiele 1972 - ein blutiges Ereignis, das für die PLO und ihr Ansehen nicht nur in Deutschland einen verheerenden Rückschlag brachte.
Erschütternd zu lesen sind die Zeilen, die Frangi vielen seiner verletzten oder gar ermordeten palästinensischen Mitstreitern widmen muss. Sie wurden entweder Opfer israelischer Aktionen ( „gezielter Tötungen“) oder fielen innerpalästinensischen Kabalen, Rivalitäten und Feindschaften zum Opfer, so etwa auf Befehl des berüchtigten Abu Nidal. Auch die Rivalitäten einzelner arabischer Staaten, ihr taktisches Spiel mit der PLO als Instrument wird vom Autor deutlich benannt, beispielsweise die Todfeindschaft, die zwischen Arafat und dem Syrer Hafez al Assad bestand. Am Ende vergleicht Frangi das Schicksal seines Volkes mit einer griechischen Tragödie, denn auch die letzten Willensbekundungen unmittelbar nach Obamas Amtsantritt seien wieder in Vergeblichkeit und neuen Provokationen auf dem Feld des Siedlungsbaus im Westjordanland und in Ostjerusalem versandet.
Frangis harsche Kritik am israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu dürften inzwischen viele Deutsche teilen. Doch der Autor setzt für die Zukunft auf einen Prozess der Aussöhnung zwischen der al Fatah und Hamas, um die Kräfte zu bündeln. Frangi hat seinen Lebensrückblick, der zeitweise spannend ist wie ein Agententhriller, seinem Sohn Baschar gewidmet, der am 3. Februar 2011 in Berlin an einem Herzinfarkt starb.
Abdallah Frangi: Der Gesandte. Mein Leben für Palästina. Hinter den Kulissen der Nahost-Politik. Wilhelm Heyne Verlag, München 2011. 431 Seiten, 21,99 Euro.