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20. Juli 1944 : Für ein besseres Deutschland

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Innerhalb Deutschlands „brachten die Kommunisten die zahlenmäßig größten Opfer im Widerstand“, „immer wieder versuchten sie, eine Massenpartei im Untergrund aufzubauen, und immer wieder bekundeten sie ihren Protest gegen die NS-Diktatur in Widerstandsaktionen, die sich an ,die‘ Öffentlichkeit wandten“. Dabei wurden die einzelnen Gruppen durch Instrukteure, die aus dem Exil eingeschleust wurden, „angeleitet“ und auf „die jeweiligen Wendungen der Moskauer Parteilinie“ festgelegt. Demgegenüber verzichtete die SPD-Führung im Exil darauf, „den Parteimitgliedern im Reich konkrete Instruktionen oder auch nur Aktionshinweise vorzugeben.“ Dieser Verzicht entsprach zum einen der Tatsache, dass es schwierig war, von London aus den Kontakt nach Deutschland zu halten, zum anderen handelte es sich bewusst um ein anderes „Widerstandskonzept“, das Informationsarbeit durch persönliche Kontakte und humanitäre Unterstützungsleistungen mit dem Ziel der „Erhaltung der Solidargemeinschaft“ umfasste.

Eine Besonderheit des Widerstandes der Sozialdemokraten sei „die Beteiligung einzelner Führungspersonen“ wie Theodor Haubach und Julius Leber an den Vorbereitungen des Attentats vom 20. Juli gewesen; auch Gewerkschafter wie Wilhelm Leuschner, Max Habermann, Jakob Kaiser und Hermann Maaß stellten sich zur Verfügung. Sie hätten den Militärs bei einem Staatsumsturz „eine breitere Zustimmung in der Arbeiterschaft“ verschaffen können, zumal es darauf angekommen sei, „die Grenzen der soziokulturellen Milieus zu überwinden“. Der These, dass der 20. Juli ein „Widerstand ohne Volk“ gewesen sei, stimmt Schneider zu, hebt jedoch hervor, dass die einzelnen kleinen Widerstandsgruppen in ihrer Gesamtzahl „eine durchaus beachtliche Größe“ erreichten: „Hunderttausende Menschen sind während der 12 Jahre dauernden NS-Herrschaft wegen politischer Delikte verhört und verhaftet, auch verurteilt und inhaftiert, Zehntausende ermordet worden.“ Dennoch bleibe es dabei, „dass die übergroße Mehrheit der deutschen Bevölkerung das nationalsozialistische Regime bis zum bitteren Ende unterstützte, jedenfalls nicht aufbegehrte“, resümiert Schneider.

Der Widerstand habe - so Schneider treffend - „das Bild Deutschlands, das die Alliierten vor Augen hatten, mitgeprägt und damit die Bedeutung der Kollektivschuldthese relativiert“. Daraus entstand ein „moralisches Kapital“ für den Neuanfang, sowohl in der Bundesrepublik als auch - „mit anderen Vorzeichen“ - in der DDR, weil deutlich geworden war, „dass nicht alle Deutschen hinter dem NS-Regime standen, sondern dass eine nicht geringe Anzahl unter hohem Risiko versucht hat, ihre Gegnerschaft zu behaupten und zu beweisen“.

Uta von Aretin: Freiheit und Verantwortung. Henning von Tresckow im Widerstand. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 34 S., 7,90 €.

Ulrich Schmidt von Altenstadt/Christoph Bauer (Herausgeber): Eid und Gewissen. Zwischen Hitlers Mühlsteinen. Recherchen zur Geschichte des Generalstabsoffiziers Hans-Georg Schmidt von Altenstadt. Verlag epubli, Berlin 2015. 227 S., 14,95 €.

Michael Schneider: In der Kriegsgesellschaft. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1939 bis 1945. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2014. 1509 S., 98,- €.

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