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1979 : Vergleichbares und Unvergleichbares

  • -Aktualisiert am

40. Jahrestag der Rückkehr von Chomeini in den Iran. Am 1. Februar 1979 kehrte Chomeini nach 14 Jahren im Exil in den Iran zurück. Bild: dpa

Ein ereignis- und folgenreiches Jahr. Aber man sollte es mit Schlussfolgerungen auch nicht übertreiben.

          Es ist müßig, darüber zu streiten, ob 1979 tatsächlich das „Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts“ (Peter Sloterdijk) war, ob damals „die Welt von heute begann“, wie Frank Böschs Buch „Zeitenwende“ im Untertitel behauptet. Wahrscheinlich folgt das Buch eher dem Trend der erfolgreichen „Jahresmonograpien“ („1913“, „1919“ etc.), überdies passt es in die erinnerungspolitische Agenda, 40 Jahre später einen Rückblick auf das in der Tat ereignisreiche Jahr 1979 zu werfen. In zehn Kapiteln nimmt der Autor Ereignisse wie die Rückkehr des Ajatollah Chomeini nach Teheran am 1. Februar unter die Lupe oder beschreibt die Folgen der Ausstrahlung des amerikanischen Fernseh-Vierteilers „Holocaust“. Zusammenhänge zwischen einigen Kapiteln gibt es, aber sie werden eher angedeutet oder behauptet – „viele Ereignisse waren direkt oder zumindest indirekt miteinander verbunden“ – als dass sie in einen analytischen Gesamtrahmen gestellt würden, was auch kaum gelungen wäre.

          Die Behauptung ist, dass sich 1979 angebahnt habe, was womöglich erst Jahrzehnte später zur vollen Entfaltung kam. So war die Rückkehr des schiitischen Ajatollah Chomeini sicherlich ein Wendepunkt in der Geschichte des Nahen Ostens, ebenso wie die Besetzung der Großen Moschee durch sunnitische Extremisten in Mekka 1979, die erst nach einem Massaker mit mehr als tausend Toten beendet werden konnte. Seit damals wurde der jahrhundertealte Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten um Vorherrschaft zunehmend erbittert und blutig ausgetragen. Ebenso richtig ist es, dass der erste Besuch des polnischen Papstes Johannes Paul II. in seiner Heimat zum Verfall des dortigen kommunistischen Regimes beigetragen hat. Eine Rolle beim Untergang des Kommunismus hat zweifellos auch der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan gespielt. Nach einem grausamen und verlustreichen Krieg gegen die islamischen Glaubenskrieger („Mudschahedin“) mussten sich die Sowjets nach zehn Jahren gedemütigt aus dem Land am Hindukusch zurückziehen.

          Daraus Rückschlüsse auf die Wirkmacht der Religion im 21. Jahrhundert zu ziehen, schlägt allerdings grundverschiedene Dinge über einen Leisten: Die Bedeutung der katholischen Kirche in Polen (wie auch die der evangelischen Kirche in der DDR, die der dortigen Friedensbewegung geschützte Räume gewährt hatte) verfiel nach den erfolgreichen friedlichen Revolutionen relativ schnell, während der Islamismus seinen Nährboden bis heute in der verbreiteten Unzufriedenheit über Korruption, soziale Missstände und den Mangel an Freiheit und Demokratie in den Staaten des Mittleren Ostens hat. Ob in Iran, nach vierzig Jahren eines repressiven, inkompetenten Mullah-Regimes, immer noch religiöses Feuer lodert, darf im übrigen bezweifelt werden. Der islamistische Terror ist außerdem meist mit sunnitischen Gruppen (Al Qaida oder IS) verbunden; Iran mit seiner schiitischen Führung setzt auf Bündnisse mit Glaubensgenossen im Irak, im Libanon oder in Syrien, um mit staatlich-militärischen Mitteln Destabilisierung zu betreiben.

          Nicht ganz in die Reihe passt die sandinistische Revolution in Nicaragua. Bösch nimmt sie als Beispiel dafür, wie sich verschiedene Gruppen aus linksalternativen und/oder kirchlichen Milieus erstmals zu gemeinsamen Projekten zusammenschlossen, getragen von einer als Netzwerk organisierten Solidaritätsbewegung in Deutschland. Ob Nicaragua ein Vorbild war „für den Aufbruch jener Länder der ,Dritten Welt‘, die eigene Wege jenseits der bipolaren Ordnung“ gehen wollten, ist jedoch zweifelhaft – dafür war und ist das Land zu unbedeutend. Die Sandinisten bildeten zunächst eine Regierungsjunta, deren liberale Mitglieder wie der Schriftsteller Sergio Ramirez, der später auch Vizepräsident wurde, allerdings Aushängeschilder ohne politisches Eigengewicht waren. In Wirklichkeit handelte es sich um eine ziemlich reinrassige Partei-Diktatur. Nach einer ersten Wahlniederlage 1990 und zwei weiteren verlorenen Wahlen kam der Sandinisten-Führer Daniel Ortega, von dem sich inzwischen die meisten früheren Weggenossen abgewandt hatten, 2006 wieder an die Macht und behauptet sich seither als korrupter „Caudillo“ und Diktator in unseliger lateinamerikanischer Tradition – da steht er in einer langen Reihe mit anderen. Nicaragua aber ist so arm geblieben, wie es immer war.

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