https://www.faz.net/-gpf-z2bz

11. September : Keine historische Zäsur

  • -Aktualisiert am

New York, 11. September 2001 Bild: dpa

Hat sich die Welt am 11. September 2001 verändert? Zwei Sammelbänder geben eine klare Antwort: Nein.

          Politische Zäsuren sind beliebte Muster, um die Fülle welthistorischer Ereignisse zu ordnen. Wir alle benutzen dieses Instrument gern. Es verschafft ein bisschen Selbst-Ehrfurcht, so dicht an einer „Zeitmauer“ zu stehen oder sogar durch sie hindurchzugehen.

          In aller Regel aber übertreiben die Zeitgenossen die Bedeutung von Veränderungen und lassen sich durch die Dynamik der Vorgänge zu Dramatisierungen mitreißen. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war, lautet ein oft zitierter Spruch. Es geht aber häufig so weiter wie vorher, mit minimalen Änderungen.

          Dem 11. September 2001, dem Tag der Terror-Anschläge auf New York und Washington, ist es nicht anders ergangen. Das Ereignis selbst bleibt unvergessen und lebt in trauernder oder wütender Erinnerung fort. Oder bei anderen als Bezugspunkt für weitere Planungen zerstörerischer Akte. Aber 9/11, wie der Tag dieser Anschläge bald in Amerika und der Welt genannt wurde, war „kein Tag, der die Welt veränderte“.

          Das ist die unzweideutige These des Bandes, den Michael Butter, Birte Christ und Patrick Keller herausgegeben und an dessen einzelnen Kapiteln außer ihnen selbst noch acht weitere Autorinnen und Autoren mitgeschrieben haben; alle übrigens in den Dreißigern. Sie betrachten nicht nur die Politik der Vereinigten Staaten, sondern auch deren Wirtschaft und Kultur.

          Gefragt wird dabei immer nach dem Einfluss des 11. Septembers auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Jedes Kapitel ist durch ein mehr oder weniger aussagekräftiges Foto illustriert. Und alle laufen sie auf die Erkenntnis hinaus, die Patrick Keller etwa im Blick auf die amerikanische Sicherheitspolitik nach überzeugender Begründung lapidar so formuliert hat: „Von einem dauerhaften Paradigmenwechsel . . ., der durch den 11. September ausgelöst wurde, kann also keine Rede sein.“

          Dies trifft ebenso für die amerikanische Umweltpolitik, die Rechtsentwicklung oder die Wirtschaft zu, wo es ein paar Jahre später zu heftigen Erschütterungen kam. Auch die aus kulturwissenschaftlicher Perspektive beigesteuerten Kapitel zur Kunst, zur Religion, zum Patriotismus und - das muss heute wohl sein - zur Konstruktion von Männlichkeit kommen zu ähnlichen Schlüssen. Allerdings wird im zuletzt genannten Beitrag ein wenig zu freihändig konstruiert. Trotzdem - die im Untertitel des Buches eingeführte Grundthese des Bandes bleibt unangefochten.

          Aus einer ganz anderen Perspektive wird sie noch zusätzlich erhärtet. Tobias Endler hat während eines Studienaufenthaltes in Amerika 2007/2008 siebzehn der bekanntesten und sich in die öffentliche politische Debatte ihres Landes immer wieder einmischenden amerikanischen Polit-Intellektuellen interviewt. Das Ergebnis ist ein bunter Strauß von aufschlussreichen persönlichen Bekenntnissen mit einem hohen Maß an Selbstreflexivität und kräftigen Beimischungen von Eitelkeit.

          Endler interessiert sich in diesen auf Englisch publizierten Gesprächen vor allem um die Figur und die Rolle dieser Intellektuellen, für die sich im anglophonen Sprachgebrauch der Begriff des „public intellectual“ eingebürgert hat. Eine lebendige Demokratie braucht sie als Diskurs-Beweger und Erläuterer, als kritische Analytiker staatlicher Politik für die Menschen außerhalb des politischen Systems.

          Auch in anderen Demokratien gibt es solche öffentlich wirksamen Intellektuellen. In Frankreich etwa haben sie eine besonders lange Tradition mit berühmten Namen. In Amerika sind es häufig Universitätsprofessoren oder Mitarbeiter von Denkfabriken, die als öffentliche Intellektuelle anerkannt sind. Es kommt auch gar nicht selten vor, dass sie für einige Jahre im Staatsdienst tätig waren (Brzezinski, Fukuyama, Soderberg, Slaughter, Talbot). Endler hat linke (Barber, Chomsky, Waltzer, West, Zinn), rechte (Bolton, Novak) und Intellektuelle befragt, die eher zur politischen Mitte tendieren.

          Sie alle verfolgen mit ihren öffentlichen Beiträgen ein erzieherisches Projekt. Alle stimmen darin überein, dass Amerika Führungsverantwortung in der Weltpolitik besitzt. Als Endler dann fragt, was der 11. September 2001 für Amerika langfristig bedeute, bekommt er keine klaren Auskünfte. Typisch ist die Antwort von Joseph S. Nye, der in den Terroranschlägen die Illustration eines längerfristigen weltpolitischen Trends erkennt, in dessen Verlauf es zu einer Umwertung der Instrumente politischer Machtentfaltung gekommen ist. Eine Illustration, ein Beispiel, nicht mehr. Jedenfalls kein Tag, der die Welt verändert hat.

          Michael Butter/Birte Christ/Patrick Keller (Herausgeber): 9/11. Kein Tag, der die Welt veränderte. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2011. 169 Seiten, 16,90 Euro.

          Tobias Endler: After 9/11. Leading Political Thinkers About the World, the U.S. and Themselves. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2011. 219 Seiten, 19,90 Euro.

          Weitere Themen

          Bewegende Trauerzeremonie für Journalistin Lyra McKee Video-Seite öffnen

          Abschied in Belfast : Bewegende Trauerzeremonie für Journalistin Lyra McKee

          Unter großer Anteilnahme wurde in einer Trauerfeier der getöteten nordirische Journalistin Lyra McKee in Belfast gedacht. Führende Politiker aus Großbritannien und Irland nahmen an der Zeremonie in der Kathedrale St. Anne’s teil. Pfarrer Martin Magill rief die politischen Parteien zum Zusammenrücken auf.

          Eine Versammlung an zwei Standorten Video-Seite öffnen

          Das EU-Parlament : Eine Versammlung an zwei Standorten

          Die Europa-Abgeordneten tagen abwechselnd an zwei Standorten: im ostfranzösischen Straßburg und in Brüssel. Die europäischen Beamten erfüllen ihre Aufgaben von Luxemburg aus. Im Plenarsaal sitzen die Abgeordneten nach politischen Fraktionen geordnet, nicht nach ihrer Nationalität.

          Topmeldungen

          Die Faust geballt, der Blick geht nach Berlin: Robert Lewandowski zieht mit dem FC Bayern ins DFB-Pokalfinale ein.

          Furioses 3:2 in Bremen : FC Bayern nach Spektakel im Pokalfinale

          Die Münchener führen im Halbfinale des DFB-Pokals lange, dann trifft Werder Bremen binnen weniger Sekunden gleich zwei Mal. Doch am Ende jubelt trotzdem der FC Bayern – Trainer Kovac stellt zudem eine beeindruckende Bestmarke auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.