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Neues Prostitutionsgesetz : Kein Beruf wie jeder andere

  • -Aktualisiert am

Bordell auf der Reeperbahn Bild: Picture-Alliance

Die Bundesregierung beschließt nach langem Ringen neue Regeln für Bordelle: Prostituierte müssen sich künftig anmelden, Kondome werden Pflicht. Soll auf diesem Weg die Prostitution langfristig abgeschafft werden?

          6 Min.

          An der Klinke hängt ein rotes Herz, ansonsten ist die Tür in dem Mehrfamilienhaus unscheinbar, leicht zu übersehen. Nicht aber für die Männer, die einen Termin vereinbart haben und hier klingeln. Dann öffnet Betty die Tür und sagt: „Hallo, schön dich zu sehen.“ Sie führt den Mann durch den Flur ins Wohnzimmer. Er setzt sich auf das graue Ledersofa. Betty bietet ihm einen Kaffee an. Er sagt: „Ja, gerne, das ist sehr nett von dir.“ Die Vorhänge an den Wohnzimmerfenstern sind zugezogen, durch sie fällt mattes bläuliches Licht. Betty setzt sich neben den Mann auf das Sofa. Die beiden kennen sich schon einige Jahre, der Mann ist einer von Bettys Stammkunden. Nach ein paar Minuten stehen sie vom Sofa auf und Betty führt ihn ins Schlafzimmer, in dem die Rollläden heruntergelassen sind. Sie schließt die Tür.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          In der Küche sitzt Lola, sie lackiert ihre Fingernägel. Betty und Lola arbeiten gemeinsam in der Dreizimmerwohnung, vor vier Jahren haben sich die beiden Terminfrauen zusammengetan. Terminfrauen nennt man jene Prostituierte, die nicht in Bordellen oder auf der Straße arbeiten, sondern ihre Freier in eine Wohnung bestellen. Wohnungsprostitution macht einen Großteil des Gewerbes aus. Es gibt sie in vielen Wohngebieten.

          „Wir zahlen unsere Steuern und das reicht“

          Lola hat vorher in einem Laufhaus gearbeitet, davor kurze Zeit sogar auf der Straße. Sie sagt, sie habe noch nie so selbstbestimmt als Prostituierte arbeiten können wie jetzt. Bevor sie einen Mann in die Wohnung lasse, telefoniere sie mit ihm. Wenn er gefährlich klinge oder Sex ohne Kondom wolle, verrate sie ihm nicht ihre Adresse. Hin und wieder stehe trotzdem ein komischer Typ vor der Tür, sagt Lola. Dann greife sie zum Pfefferspray, das auf dem Schuhschrank liegt, und rufe laut nach Betty. Die meisten Männer verschwinden dann schon.

          Dass Betty und Lola zusammenarbeiten, spart Kosten, hilft gegen die Langeweile wenn mal nichts los ist, aber dient vor allem ihrem Schutz. Ihr Beruf ist gefährlich, das wissen die beiden Frauen. Sie versuchen, mit der Gefahr pragmatisch umzugehen. Mit politischen Forderungen, die dem Schutz der Prostituierten dienen sollen, hatten sie bisher nichts zu tun. „Wir zahlen unsere Steuern und das reicht“, sagt Lola. Aber seit einiger Zeit müssen sich Lola und Betty mit der Politik beschäftigen, denn sie will einiges ändern in der Sexbranche und damit auch in der Dreizimmerwohnung von Lola und Betty.

          Käuflicher Sex und Steuererklärung

          In gut einem Jahr werden die beiden so nicht mehr zusammenarbeiten können. Sie müssten auf den knapp 70 Quadratmetern eine weitere Toilette nur für die Freier einbauen, ein Notrufsystem einrichten und ihren Arbeitsraum von ihrem persönlichen Schlafraum trennen, was mit hohen Kosten verbunden wäre. Denn die Wohnung der Terminfrauen wird dann als Gewerbe gelten, für die entsprechende bauliche und hygienische Auflagen gelten und deren Betrieb von der Behörde genehmigt werden muss. So steht es im Prostituiertenschutzgesetz, das am Mittwoch im Bundeskabinett verabschiedet wird.

          Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD): „Eine Pommesbude muss mehr Auflagen erfüllen als ein Bordell.“

          Nach vielen Jahren beschäftigt sich die Bundespolitik mal wieder mit der Sexbranche. 2002 machte sie den ersten Schritt, als sie die Prostitution von der Sittenwidrigkeit befreite. Ziel war es damals, etwas eigentlich Unregelbares zu regeln und gleichzeitig – so gut es geht – Normalität ins älteste Gewerbe der Welt zu bringen. Der Begriff führt dabei auf die falsche Spur: Prostitution ist nämlich meistens gar kein Gewerbe. In vielen Bundesländern ist eine Gewerbeanmeldung für Bordelle oder Terminwohnungen nicht möglich. Die Etablissements werden in der Regel nur geduldet. Das hatte den Nachteil, dass die Behörden überhaupt keine Kontrollmöglichkeiten hatten – und führte zu dem eingängigen Satz von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD): „Eine Pommesbude muss mehr Auflagen erfüllen als ein Bordell.“

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