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Neues Prostitutionsgesetz : Kein Beruf wie jeder andere

  • -Aktualisiert am

Immer weniger Beratungsstellen

Auf der Bühne in der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften steht Katharina Fegeband, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg. „Wir hatten als Stadt sehr hohe Erwartungen an den Gesetzentwurf“, sagt sie auf dem „Sexarbeiter-Kongress“. Die Veranstaltung findet im Stadtteil St.Georg statt, der zusammen mit der Reeperbahn die Hamburger Rotlichtszene bildet. „Wir haben aber erhebliche Zweifel, dass mit dem Gesetzentwurf die Ziele erreicht werden“, sagt die Grünen-Politikern. Vor allem die Kondompflicht sieht sie kritisch. Freier müssen demnach in Zukunft immer verhüten. Tun sie das nicht, müssen sie ein Bußgeld zahlen. Wie das kontrolliert werden soll, ist freilich allen ein Rätsel. In Bayern und dem Saarland gibt es schon seit einigen Jahren eine Kondompflicht. Bei Razzien von Bordellen soll es passieren, dass die Polizisten Mann und Frau förmlich auseinanderreißen und mit der Taschenlampe ihrer Kontrollpflicht nachkommen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft bezweifelt, dass man so nun in allen Bundesländern wird vorgehen können.

Ein Mann geht auf der Reeperbahn im Stadtteil St. Pauli in Hamburg an einem Sex-Club entlang. Der Widerstand gegen das geplante Prostituiertenschutzgesetz formiert sich.

Im Publikum sitzt Undine De Rivière und klatscht angesichts der Zweifel der Zweiten Bürgermeisterin. Sie betreibt ihr eigenes Sexstudio in St.Georg und ist Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen, der den Kongress initiiert hat. De Rivière findet es grundsätzlich gut, dass die Politik sich abermals mit der Gesetzgebung für Prostituierte beschäftigt. Sie glaubt aber, dass mit einer Anmeldepflicht und einer verpflichtenden Beratung die Frauen und Männer in der Prostitution weiter ausgegrenzt würden. Sie fordert eine komplette Gleichstellung mit anderen Berufen.

Auch andere Gäste des Kongresses erzählen viel von ihrem sexuellen Selbstbestimmungsrecht und sprechen offen über ihre Arbeit. Sie wissen um ihre Rechte und wie sie die – vor allem von den Freiern – einfordern. In St. Georg gibt es aber auch einen Straßenstrich, auf dem viele Frauen stehen, die nicht mit Politikern über eine Anmeldepflicht diskutieren können, sondern nur auf den nächsten Kunden warten, um das Geld für ihre Drogen zu verdienen. Die Gäste des Kongresses stört es, dass in der öffentlichen Diskussion zu sehr das Bild geprägt werde, Prostitution habe immer mit Zwang, Zuhälterei und Menschenhandel zu tun.

Mit dem neuen Gesetz würden aber auch die Opfer sexueller Gewalt nicht geschützt. In Österreich gibt es seit einiger Zeit eine Anmeldepflicht für Prostituierte. Der Erfolg sei sehr bescheiden. Stattdessen, so ein Vorschlag, der auf dem Kongress formuliert wird, solle es mehr aufsuchende Arbeit auf der Straße geben und mehr freiwillige, anonyme und bedarfsorientierte Angebote für Prostituierte. Tatsächlich gibt es immer weniger Beratungsstellen. In Baden-Württemberg zum Beispiel waren es einmal knapp 40. Übrig geblieben davon ist noch eine Handvoll.

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