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Polen : Das Gift des geheimen Wissens

Die Dämonisierung des heutigen polnischen Staates und der ständige Bezug auf alte Kämpfe, in denen es um Sein oder Nichtsein ging, weckt entsprechende Reaktionen. Die nationalkonservative Rechte, an sich staatsorientiert und deshalb nicht zu spontaner Gewalt neigend, hat am 11. November, dem Unabhängigkeitstag erlebt, wie ihr die Kontrolle über den eigenen Demonstrationszug in Warschau entglitt und in Prügeleien mit der Polizei endete, wie jugendliche Rädelsführer unter allgemeinem Jubel zum „Sturz des Systems“ anriefen. Gewaltphantasien blühen. Der Filmemacher Grzegorz Braun etwa, der 2008 durch eine Dokumentation die Erzählung von Lech Walesas angeblicher Agentenvergangenheit popularisiert hat, ruft mittlerweile offen zum Blutvergießen auf. „Kugeln müssen pfeifen“ fordert er, die Propheten der Lüge, die „Verräter aus dem alten Regime“, aber auch Redakteure liberaler Sender und Zeitungen, müssten „auf plötzliche, drastische Weise in eine andere Welt verbracht“ werden. Der mutmaßliche verhinderte Attentäter Brunon K., der „polnische Breivik“, wie ihn die Presse nennt, stammt aus derselben Schule der Bedrohungsangst und Verschwörungsgewissheit. Ein Nachbar hat erzählt, wie Brunon K. einmal losgelegt habe: „Und er begann, wie ein Maschinengewehr zu reden: über Freimaurer, Juden und alle geheimen Mächte, die die Welt regieren. Dass sie uns überwältigen, wenn wir ihre Macht nicht brechen.“

Feindschaften

Die Radikalisierung greift mittlerweile punktuell in die etablierte Rechte über. Im November verlangte Artur Nicpon, ein Vorstandsmitglied aus Kaczynskis Parteiorganisation in Breslau, im Internet, man müsse Tusks regierender liberalkonservativer Bürgerplattform die Macht entziehen, „und wenn dies demokratisch nicht möglich ist, dann muss man es mit Gewalt durchsetzen (...) Ich meine, man muss sie einfach töten.“ Kaczynski hat Nicpons Mitgliedschaft in seiner Partei danach zwar sofort suspendiert. Aber auch er selbst hat sich immer wieder über Feindschaften und Hinrichtungen geäußert. So hat er einmal gesagt, der letzte kommunistische Präsident Wojciech Jaruzelski verdiene eine „Kugel in den Leib“. Erst vor kurzem äußerte Kaczynski, er wisse nicht, ob Ministerpräsident Tusk ihn nun „ermorden“ oder nur „verbannen“ wolle.

Das ist es, was die regierenden liberalen Eliten als „Sprache des Hasses“ beschreiben. Solche Blutphantasien untergraben aus ihrer Sicht das gerade erst mühevoll gefasste erste Vertrauen der Polen zu ihrem Staat. Tusk hat auf Kaczynskis Worte jedenfalls mit der fassungslosen Bemerkung reagiert, solche Behauptungen „verwüsteten Polen“. Es sei unmöglich, sich mit jemandem, „der solche Schlussfolgerungen formuliert, ein Leben in ein und demselben Staat vorzustellen“. Manche haben die Vorstellung vom gemeinsamen Leben längst hinter sich gelassen. Der entlassene Parteifunktionär Nicpon etwa hat im Internet kürzlich harmlos gefragt, ob man nicht einfach per Referendum beschließen könne, Tusk „wie einen Hund legal zu erschießen“.

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