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Polen : Das Gift des geheimen Wissens

Die Polizei beobachtet die Demonstranten am polnischen Unabhängigkeitstag

In Polen kommt hinzu, dass dort bei den besonders monströsen Lügen der Kommunisten das Wissen um die Wahrheit weit verbreitet war. Während die Kommunisten die Ermordung Zehntausender polnischer Offiziere und Intellektueller in Katyn und an anderen Orten über Jahrzehnte leugneten, wurde in Hunderttausenden Familien die eigene Erfahrung mit den Verbrechen der Sowjetunion überliefert. Am Ende erlebten diese Menschen, dass ihr geheimes Wissen, über das so lange weder geschrieben noch laut gesprochen werden durfte, sich als wahr erwies. Dass es nicht in allen Fällen gelang, die inoffizielle Erzählung zu beweisen (beispielsweise hat sich die vermutete Ermordung des Kriegspräsidenten im Exil, Wladyslaw Sikorski, mittels eines angeblich durch Churchill mit Wissen Moskaus inszenierten Flugzeugabsturzes später nicht bestätigen lassen), hat das Vertrauen in die Überlegenheit des „sozialen Wissens“ über das offizielle Kommuniqué kaum beeinträchtigt.

Erinnerungen werden geweckt

Für die Gegenwart ist wichtig, dass neben dem Topos von den „großen Lügen“ auch das des Attentats in der polnischen Erinnerung präsent ist. Die Legende vom Anschlag auf Sikorski gehört dazu, in den achtziger Jahren gab es das Attentat auf Papst Johannes PaulII. und den Mord am Solidarność-Priester Jerzy Popieluszko. Dass beide mittlerweile seliggesprochen sind, hat aus ihren Schicksalen Märtyrerlegenden gemacht.

Die Erzählung von der „Smolensk-Lüge“ ist auch deshalb so erfolgreich in Polen, weil sie aus lauter Déjà-vus besteht. Ein Präsident stürzt im Flugzeug ab: War das nicht schon bei Sikorski so? Er stirbt auf dem Weg nach Katyn in Russland. Liegen dort nicht schon andere Opfer russischer Morde? Auch dass zusammen mit Kaczynski Anna Walentynowicz umkam, fügt sich in dieses Bild: Wie keine andere stand sie in den Augen der Rechten als Repräsentantin für den Kampf gegen die „Lügen der Kommunisten“. Unter anderem verfocht sie erbittert die unter Rechten gängige These, der Solidarność-Führer, Friedensnobelpreisträger und erste Präsident des freien Polen, Lech Walesa, sei ein Agent des Geheimdienstes mit dem Decknamen „Bolek“ gewesen.

Gewalt bricht aus: Die Polizei trifft auf Demonstranten am polnischen Unabhängigkeitstag

Die Kraft der Verschwörungstheorie, die hinter dem „Fall Smolensk“ steht, lässt der Version der Behörden nur wenige Chancen. Die Bereitschaft, dem Staat zu vertrauen, ist so weit zurückgegangen, dass nationalkonservative Kommentatoren auch die Enthüllungen der rechtzeitig entdeckten Pläne des verhinderten Bomben-Attentäters Brunon K. sofort als Propaganda der Geheimdienste abtaten. All das, schrieb etwa der - renommierte - Publizist Bronislaw Wildstein, erinnere immer mehr an Russland: „Noch gibt es keine inszenierten Anschläge, aber es gibt eine (inszenierte) Anschlagsgefahr.“

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