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Polen : Das Gift des geheimen Wissens

Ein Demonstrant hält das polnische Staatswappen in die Höhe

Die Entschärfung der „Bombe im Flugzeug“ brachte aber keine Beruhigung. Seit die vertauschten Toten entdeckt wurden, ist das Vertrauen in den Staat in eine Krise geraten. Laut jüngsten Umfragen ist die Zahl der Polen auf 56 Prozent gesunken, die den offiziellen Ergebnissen der russischen wie der polnischen Untersuchungskommissionen glauben, der Absturz von Smolensk sei ein Unfall gewesen, die Folge eines regelwidrigen Landeanflugs im Nebel. Dafür glauben immer mehr Polen an Mord - laut den Umfragen sind es inzwischen 26 Prozent. Kaczynskis Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) hatte schon bald nach dem Absturz des Präsidentenflugzeugs damit begonnen, Zweifel daran zu schüren, dass es sich um ein Unglück handle. Inzwischen ist der Begriff der „Lüge von Smolensk“ zu einem Schlüsselbegriff der polnischen Politik geworden.

Gemeint ist damit eine umfassende Inszenierung zur Verschleierung eines Anschlags auf die Souveränität Polens. Die sehen Kaczynski und seine Anhänger von allen Seiten bedroht - sogar von der polnischen Regierung. Auch an diesem Donnerstag wird das wieder sichtbar werden: Zum Jahrestag der Ausrufung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981, mit dem das kommunistische Regime damals die Volksbewegung der Solidarność niederschlug, haben PiS und andere rechte Organisationen zu Demonstrationen für „Freiheit und Unabhängigkeit“ aufgerufen. Parlamentsabgeordnete der Kaczynski-Partei scheuen sich nicht, das heutige Polen mit der kommunistischen Volksrepublik gleichzusetzen und die heutige Regierung - unter deren Mitgliedern viele in den achtziger Jahren im Widerstand gegen die Diktatur waren - in die Nähe der Kriegsrechtsjunta des Generals Jaruzelski zu rücken.

„Sprache des Hasses“

Diese Wahrnehmung der Wirklichkeit führt dazu, dass einzelne glauben, extreme Mittel seien gerechtfertigt. Mitte November wurde Polen dadurch erschüttert, dass die Behörden ein mutmaßliches Komplott eines Krakauer Chemiedozenten und Bombenexperten namens Brunon K. enthüllten. Er hatte wohl geplant, das Warschauer Parlamentsgebäude in Anwesenheit von Präsident Komorowski und Ministerpräsident Tusk durch einen Kleinlaster mit vier Tonnen Sprengstoff zu zerstören. Vor seiner Festnahme hatte er Mutmaßungen über antipolnische Verschwörungen, über „Smolensk“ und einen neuen Freiheitskampf geäußert. Ministerpräsident Tusk war von dem Mann im Internet nur als „rothaariger Bandit“ bezeichnet worden.

Die „Sprache des Hasses“, wie liberale Kommentatoren es nennen, steht in Blüte. Wie konnte das geschehen? Wie konnte eine Gesellschaft im Aufschwung, die zu den erfolgreichsten Europas gehört, in eine solche Vertrauenskrise geraten? Die Gründe für das Umsichgreifen solcher Theorien liegen tief im zwanzigsten Jahrhundert. Jene Generation, die den Kommunismus noch bewusst erlebt hat, erinnert sich gut daran, dass die Lüge hier lange die eigentliche Äußerungsform der Obrigkeit war. Das entspricht der osteuropäischen Totalitarismus-Erfahrung im Allgemeinen: Dort, wo die Propaganda alle verlässlicheren Informationsquellen zugeschüttet hatte, konnte über mehrere Generationen die Überzeugung wachsen, individuelle Spekulationen, das Gerücht, der Mythos seien wesentlich glaubwürdigere Wissensquellen als das offiziell verlautbarte Wort.

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