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Pöbeleien auf Twitter : Fehlender Respekt

  • -Aktualisiert am

Volker Beck pöbelt gern auf Twitter: „Erika Steinbach ist eine Drag-Version von Putin – wetten!“ Bild: picture alliance / dpa

Im Internet wird viel gepöbelt. Auch Bundespolitiker machen mit: Sie schreiben „Arschloch“ und „Kackscheiße“, um Aufmerksamkeit zu erregen und sich anzubiedern. Das ist peinlich.

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          Am Samstag vor einer Woche machte Volker Beck, der innenpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, der Öffentlichkeit eine interessante Mitteilung zur Person Wladimir Putins. Die Lage war ernst: In der Ukraine hatten prorussische Milizen gerade mehrere OSZE-Mitarbeiter festgesetzt, und der ukrainische Übergangsministerpräsident hatte Russland vorgeworfen, es wolle den „Dritten Weltkrieg anzetteln“. Beck genoss den Abend in sicherer Entfernung – er las und schrieb Nachrichten auf Twitter.

          Ein Nutzer namens „Basti“ wies Beck auf einen Videoschnipsel hin, in dem die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach sich gegen die finanzielle Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe ausspricht. Um 22.18 Uhr twitterte Beck, für jeden sichtbar: „Erika Steinbach ist eine Drag-Version von Putin – wetten!“ Also: Die Abgeordnete ist unter ihrem Travestie-Fummel eigentlich ein Mann, nämlich Wladimir Putin. Auf so etwas muss man erst mal kommen. Und es dann auch noch veröffentlichen wollen. Beck, der früher gelegentlich für Respekt gegenüber anderen Menschen eintrat, hat damit anscheinend kein Problem.

          Aufmerksamkeit durch Pöbeleien

          Da ist er nicht der einzige. Viele Politiker haben erkannt, dass sie in sozialen Netzwerken wie Twitter mit wenig Aufwand auf sich aufmerksam machen können. Schließlich bejubeln Journalisten den Kanzleramtsminister Peter Altmaier als „Twitter-König“, weil er mal eine Zeitlang selbstironische und pointierte Tweets schrieb. Und Tausende von Wählern warten nur darauf, wieder irgendein unscharfes Foto oder einen Spruch weiterverbreiten zu dürfen, was auf Politiker offenbar dermaßen verführerisch wirkt, dass beispielsweise Brigitte Zypries, ehemalige Justizministerin und jetzt Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, am vergangenen Donnerstag um 8.17 Uhr ein Foto twitterte, das ihren verwuschelten Haarschopf halb verdeckt von einer blau geblümten Decke zeigt.

          Müde lugt der Abgeordneten Nase dem Betrachter aus dem Bettzeug entgegen. Kommentar Zypries: „Dieses Gefühl von... kommt außer dir bei dem Wetter noch jemand zum Standaufbau um 9.00?? #May1Selfie“. Das Stichwort „May1Selfie“ hatte die SPD ersonnen: Mitglieder und Sympathisanten sollten es verwenden, um damit von Kundgebungen aus Selbstporträts zu verbreiten. Das kann man – wenn man nicht gerade die NSA ist – sinnlos finden, aber auch okay: Keinen Respekt vor sich selbst zu zeigen ist jedem selbst überlassen. Etwas anderes ist es, wenn Bundespolitiker zum Zwecke des Anbiederns bei denen, die sie für ihre Wähler halten, plötzlich so schreiben, als käme man dem Volk unter der Gürtellinie am nächsten.

          Einige Beispiele aus der vergangenen Woche: Die Bundestagsabgeordnete Christina Schwarzer, CDU, bedankte sich öffentlich bei dem „Arschloch“, das eine Delle in ihr Nummernschild gefahren habe. Halina Wawzyniak, die für die Linke im Bundestag sitzt, twitterte den Link zu einem Artikel der „taz“ mit der Bemerkung: „Geht’s noch? Lasst den Scheiß“. Der Bürochef von Volker Beck kommentierte eine „ntv“-Meldung über den CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Spahn so: „Dieser Jens Spahn ist ein Apparatschik, der in seinem ganzen Leben noch keine eigene Position gegen Widerstände durchhielt“, woher auch immer er das wissen will. Spahn antwortete, indem er auf die Berufsbezeichnung seines Kontrahenten in dessen Twitter-Profil einging: „,Head of office‘ von Volker Beck klingt aber auch nicht sehr apparatschikfrei...“ Nach derart schlichten Mustern pöbeln Halbstarke.

          Beck übt sehr ausdauernd

          Die meisten Arbeitnehmer in Deutschland können es sich nicht erlauben, unter Angabe ihres vollen Namens im Internet herum zu stänkern. Schon Schüler lernen, dass sie in sozialen Netzwerken besser nicht zu oft „Arschloch“ schreiben, wenn sie später einen Job haben wollen, in dem das nicht die übliche Anrede unter Kollegen ist. Dabei kommt es natürlich auf den Beruf an: Niemand erwartet von einem Popstar wie Miley Cyrus, die für ihre rausgestreckte Zunge bekannt ist, dass sie ihre Zunge nicht mehr rausstreckt. Aber von Bundestagsabgeordneten darf man sich erhoffen, dass sie eine Beleidigung von einem Argument unterscheiden können; wie sollen sie sonst erst zwei verschiedene Argumente oder gar Gesetzentwürfe beurteilen?

          Positiv betrachtet: Einige Abgeordnete üben noch. Volker Beck übt sehr ausdauernd. Am Abend seiner Steinbach-Vision lieferte er sich auf Twitter auch ein längeres Geplänkel mit dem CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Ausgangspunkt war Becks Frage an Tauber, ob die EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, der die CDU angehört, nach der Europawahl auch die AfD oder die französische Partei Front National aufnehmen werde. Beck hatte offenbar vor, sich den Lesern als Drag-Version von Maybritt Illner zu präsentieren und hier jetzt mal irgendwie nachzubohren. Tauber gab zurück: „Soll ich die Frage ernst nehmen nach AfD und FN? Das ist so ein Müll, dass ich an deinem Geisteszustand zweifeln muss.“

          Kurz nach 23 Uhr nahm der Streit an Fahrt auf, und anscheinend mit der Absicht, dem Twitterpublikum nun eine besonders geistreiche Mitteilung zu machen, tippte Tauber: „Auch im spaßbefreit sein, Nervensäge spielen und Unterstellungen ist der Volker Beck sehr deutsch...“ Der Schuss ging allerdings – wie so viele – nach hinten los, denn Beck hakte gleich hämisch ein: „Deutsch ist jetzt bei Muttis Jungs ein Schimpfwort“. Zuvor hatte er schon die Tauber-Schmähung eines anonymen Twitternutzers an seine eigenen Leser weitergeleitet: „Der Mann ohne Haare von Merkels Gnaden der muss bestimmt erst Mutti fragen.“ Das findet Beck (volljährig) anscheinend lustig. Das Ganze als Kindergarten zu bezeichnen wäre ungerecht; dort wird immerhin schön gesungen.

          Niemand verlangt von Politikern, dass sie glatt reden und immer artig sind. Sie sind Menschen, das dürfen sie auch zeigen. Die Menschlichkeit von Bundestagsabgeordneten sollte aber zumindest in der Öffentlichkeit da enden, wo sie normaler Mensch sind und nicht Quengler und Pöbler. Das gilt nicht nur in sozialen Netzwerken, aber dort ist die Gefahr am größten. Viele Nutzer sind anonym unterwegs, um nach Herzenslust und ohne Konsequenzen all jene zu beschimpfen, die erfolgreicher sind als sie selbst. Politiker bekommen besonders viel ab.

          Als Erika Steinbach am 1. Mai sachlich auf einen „Handelsblatt“-Artikel über gewaltsame Demonstrationen hinwies, schrieb gleich jemand: „Was haben Sie eigentlich gegen Hitler getan? Damals, in der Blüte ihres Lebens“. So geht es die ganze Zeit. Man kann das ignorieren. Wer beleidigt wird und zurück mobbt, erntet aber oft mehr Beifall. Als Wähler kann man trotzdem erwarten, dass Parlamentarier sich nicht für ein paar Klicks dermaßen an die Stumpfsinnigsten ranschmeißen, die solche Spielchen spielen wollen. Es ist unwürdig und klein.

          Am Dienstag präsentierten die Grünen ein Plakat für den Europawahlwahlkampf. Aufschrift: „Gegen rechtspopulistische Kackscheiße“. „Kackscheiße“ ist ein Wort, das eigentlich nur im Netz Verwendung findet, es bedeutet allgemein „schlechte Dinge“, zum Beispiel Anti-Feminismus. Die Grünen sind sehr stolz auf das Plakat; aus der Pressestelle heißt es, „Kackscheiße“ sei ein „politisch aufgeladener Begriff“ und somit nicht rein fäkalsprachlich zu verstehen. Allerdings sehen auch im Netz viele das anders, es hagelte Kritik. Peter Alberts, Grünen-Kandidat für die Europawahl, taufte die Kritik auf den Namen „Kackscheißeshitstorm“. Die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Katja Dörner, twitterte das an ihre Leser weiter. Ihr Kommentar: „:-)“

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