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Plastische Chirurgie : Schönheit um jeden Preis

Der Wahn ist nicht aufzuhalten: Computerbildschirm in einer Schönheitsklinik in Nizza Bild: REUTERS

Das Geschäft mit der Schönheit floriert: Schönheitsoperationen wie Brustvergrößerungen werden immer normaler. Doch die Gefahren werden oft unterschätzt.

          3 Min.

          Falls den Zahlen der Internationalen Gesellschaft für Ästhetische und Plastische Chirurgie zu trauen ist, haben sich im vergangenen Jahr fast so viele Frauen in Griechenland wie in Brasilien die Brust vergrößern lassen. Ausgerechnet Griechenland, eine Nation, die nicht Maß halten konnte, als es um den Staatshaushalt ging, und die deswegen über Jahre dem Rest Europas falsche Tatsachen vorspiegeln musste, liegt an zweiter Stelle bei einer der „beliebtesten“ Schönheitsoperationen der Welt - übrigens dicht gefolgt von Italien, aber weit vor Kolumbien, Venezuela und den Vereinigten Staaten, die bislang ganz besonders unter Silikon-Verdacht standen. Doch die Zahlen, selbst wenn sie im Weltbevölkerungsbericht 2011 der Vereinten Nationen nachzulesen sind, geben nur Schätzungen wieder. Keine Gesellschaft, keine Organisation weiß genau, wo die meisten Eingriffe an Bäuchen, Busen, Pos und Gesichtern von Frauen und Männern vorgenommen werden. Die Dunkelziffern sind erschreckend hoch.

          Das Geschäft mit der Schönheit floriert, trotzdem findet es noch immer meist im Verborgenen statt. Ein geglücktes operatives Ergebnis soll zwar bemerkt werden. Die wenigsten Frauen und Männer wollen aber zugeben, dass es nicht auf natürlichem Wege auf, über und in sie gekommen ist. Zudem gibt es in Deutschland sogar höchstrichterliche Entscheidungen, dass sich nicht nur plastische und ästhetische Chirurgen, sondern jeder approbierte Arzt an einer Brustvergrößerung versuchen darf, selbst wenn er sonst ausschließlich mit Kiefern oder Knochen zu tun hat.

          Die Heuchelei ist erschreckend

          Nur so ist auch zu erklären, dass fast zwei Jahre nach dem Verbot der mit gefährlichem Silikon gefüllten Brustimplantate der französischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) in Europa noch immer nicht klar ist, wie vielen Frauen in Deutschland eines dieser Kissen eingesetzt worden ist. Die nun wirklich als Patientinnen einzustufenden Frauen wollen nicht in die Öffentlichkeit, und ihre Ärzte wollen selbstverständlich nach Möglichkeit auch nicht mit dem Skandal in Verbindung gebracht werden. Ginge es hier nicht um schadhafte Brustimplantate, sondern zum Beispiel um defekte künstliche Hüftgelenke, lägen vermutlich schon längst genaue Zahlen der Betroffenen auf dem Tisch.

          Der Hauptschuldige selbst wurde schnell gefunden: PIP-Chef Jean-Claude Mas hat mit großer krimineller Energie die Hüllen seiner Implantate mit einer hausgemachten Billig-Silikonmasse gefüllt, die in umliegendes Gewebe ausschwitzen kann und die seine Ersatzbrüste leicht reißen lässt. Er ist ein Betrüger in einer Branche, in der sich viele offenbar nur zu gerne betrügen lassen wollen. Die Massche Ware war sogar TÜV-geprüft. Die private Sicherheitsfirma TÜV-Rheinland, die mit der Zertifizierung auch von Medizinprodukten ihr Geld verdient, hat jedoch nicht ins Implantat hineingesehen. Damit es in der EU vertrieben werden kann, braucht ein solches Medizinprodukt seit 1998 nicht mehr als eine CE-Kennzeichnung. Die Studien, die dafür nötig sind und Sicherheit sowie Funktionstüchtigkeit garantieren sollen, gibt der Hersteller gewöhnlich selbst in Auftrag - und er zahlt auch dafür. Der TÜV-Rheinland begutachtete auch im Falle von PIP nur das Papier, auf dem die Unbedenklichkeit der Implantate schon festgestellt worden war.

          Die Heuchelei bei plastischen Eingriffen ist erschreckend. Selbst den Schönheitschirurgen ist oft nicht zu trauen. Die Verbraucherzentrale Hamburg stellte vor gut einem Jahr fest, dass mehr als neunzig Prozent der entsprechend geschulten und von ihr befragten Fachärzte nur an der Operation und dem damit zu verdienenden Geld interessiert waren, nicht aber an ihrer Patientin und ihren möglichen auch psychosozial bedingten Motiven, sich für eine Brustvergrößerung zu entscheiden. Operiert wird fast immer - selbst vierzehn Jahre alte Mädchen können inzwischen ihre Körbchengröße dauerhaft verändern lassen.

          Das Risiko des Eingriffs ist groß

          Dieser Wahn ist nicht aufzuhalten. Offensichtlich leidet die ganze industrialisierte Welt an einer kollektiven Dysmorphophobie. Kaum jemand scheint mehr mit dem Gottgegebenen zufrieden zu sein. Selbst wer schön zu sein scheint, will immer noch schöner werden. Was sich einstmals nur Hollywood-Diven leisten konnten, ist inzwischen zu Discounter-Preisen überall zu haben. In Brasilien oder den Vereinigten Staaten ist die Brustvergrößerung ein beliebtes Geschenk zum Abitur. In Kalifornien ist sie ein Status-Symbol für Frauen der Mittelschicht. Der „Natural look“ kommt dort mittlerweile aus der Mode. Man(n) soll sehen, was Frau sich im Dekolleté geleistet hat.

          Wahre Schönheit fasziniert, gutes Aussehen verheißt Erfolg, unter anderem einen schnelleren und aussichtsreicheren Berufseinstieg. Wenn also ein Teil der Gesellschaft Operationen, die bei vermeintlicher Hässlichkeit Abhilfe versprechen, zunehmend als notwendig erachtet, sollte die medizinische Versorgung dementsprechend gut sein. Dazu müssten verpflichtend eine psychologische Ausbildung der Chirurgen und eine umfassende Aufklärung ihrer Patienten gehören. Das Risiko des Eingriffs ist groß genug. Wer sich über die Folgen seines Tuns nicht im Klaren ist, zahlt am Ende drauf.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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