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Plagiatsaffären : „Keine falsche Rücksichtnahme auf Professoren“

„Als Folge aus der Plagiatsaffäre Guttenberg muss sich die Wissenschaft ihrer eigenen Publikationsregeln vergewissern” Bild: dapd

Der Deutsche Hochschulverband warnt vor falscher Rücksichtnahme auf Professoren, die in Plagiatsaffären verwickelt sind - aber auch dem leichtfertigen Umgang mit dem Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Wer eine Prüfung einleite, sei kein „Nestbeschmutzer“.

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          Der Deutsche Hochschulverband hat am Dienstag bei seiner Jahrestagung in Potsdam vor falscher Rücksichtnahme auf Professoren gewarnt, die in Plagiatsaffären verwickelt sind. Bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten dürfe es Bequemlichkeit und falsch verstandene Kollegialität nicht geben. „Wer seiner beruflichen Pflicht und Verantwortung als Hochschullehrer nachkommt und bei vorliegenden Anhaltspunkten wissenschaftlichen Fehlverhaltens eine Prüfung einleitet, darf nicht als Nestbeschmutzer geächtet werden“, sagte der Präsident des Hochschulverbandes, Bernhard Kempen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Mit der Untersuchung von Vorwürfen sollten die Hochschulen weisungsunabhängige Kommissionen betrauen, die bei einem Verdacht von Amts wegen tätig würden und aus angesehenen Wissenschaftlern aller Fächergruppen zusammengesetzt sein sollten. In einem transparenten und fairen Verfahren müsse jeder Beschuldigte Gelegenheit erhalten, zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen umfassend Stellung zu nehmen.

          „Schon der bloße Verdacht kann Karrieren zerstören“

          Wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens strafrechtlich oder disziplinarrechtlich verurteilte Hochschullehrer könnten nicht Mitglieder des Hochschulverbandes werden oder bleiben. Allerdings warnte der Hochschulverband auch vor leichtfertigem Umgang mit dem Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Schon der bloße Verdacht könne die Karriere eines Wissenschaftlers zerstören.

          Zugleich forderte die Vertretung von 26.000 deutschen Wissenschaftlern in Potsdam Prüfungsämter wie Universitäten auf, die eigenständige Leistung von Seminar- und Abschlussarbeiten zu überprüfen. Die Unkultur des Wegsehens sei selbst als wissenschaftliches Fehlverhalten zu sehen, heißt es in einer der Erklärungen des Verbandes, der dazu auffordert, sämtliche Studenten, Doktoranden und Habilitanden in den Prüfungsordnungen zur Abgabe einer digitalen Fassung zu verpflichten. Darüber hinaus seien die Seminar- und Qualifikationsarbeiten mit einer Erklärung abzugeben, dass die Arbeit selbständig und ohne Hilfeleistung Dritter angefertigt wurde. Vor allem aber müssten die Studenten während der ersten Semester in die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens eingeführt werden.

          Folgen aus der Plagiatsaffäre Guttenberg

          Im Zusammenhang damit forderte der Hochschulverband auch fächerübergreifende Empfehlungen zu wissenschaftsadäquatem Publikationsverhalten. Als Folge aus der Plagiatsaffäre Guttenberg müsse sich die Wissenschaft ihrer eigenen Publikationsregeln vergewissern und diese auch schriftlich verbindlich niederlegen. Maßgeblich sollten nicht die Masse, sondern die Originalität und Eigenständigkeit und daher die Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen sein, heißt es angesichts der überlangen Publikationslisten von Wissenschaftlern.

          Bei Veröffentlichungen mit mehreren Autoren, die vor allem in manchen naturwissenschaftlichen Fächern üblich sind, habe sich in vielen Fächern die „first-last-author-emphasis-Norm“ durchgesetzt, wonach an erster Stelle der Hauptautor und an letzter Stelle der Ideengeber oder Betreuer aufgeführt werden. Eine alphabetische oder nach dem Grad der Beteiligung gelistete Autorenbenennung sei aber mindestens so wissenschaftsadäquat, sagte Kempen in Potsdam.

          Um dem Ungleichgewicht zwischen angemessener Grundausstattung, Programmförderung und Einzelförderung in der Wissenschaft gegenzusteuern, fordert der Hochschulverband, die Einzelförderung für Wissenschaftler auszubauen. Durch zunehmende Managementaufgaben und eine wachsende Weisungsabhängigkeit vom jeweils amtierenden Dekan, Rektor oder Präsidenten werde die Handlungsfähigkeit von Wissenschaftlern zunehmend eingeschränkt. „Erfolg in der Wissenschaft bemisst sich nicht mehr allein am Erkenntnisgewinn, sondern an Zielvereinbarungen mit quantitativen Parametern wie Drittmitteln und Publikationsleistungen“, kritisierte der Hochschulverband.

          „Mehr Eigenständigkeit für Nachwuchswissenschaftler“

          Unter dem Deckmantel der Leistungsbewertung und Evaluation schwinde die wissenschaftliche Freiheit jeden Tag mehr. Wissenschaft werde zum Betrieb, der die wissenschaftliche Freiheit bedrohe. Außerdem mahnten die Hochschullehrer zu einem offenen Gespräch über „Alibi- und Mainstreamforschung“, in die Geld fließe, in der es aber an Forschungsinteresse und Forschungsergebnissen fehle.

          Schließlich forderten die Hochschullehrer Bund und Länder auf, endlich mehr für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu tun. Nur jeder dritte Nachwuchswissenschaftler habe überhaupt Aussichten auf eine Professur. „Statt W2 oder W3 droht dem wissenschaftlichen Nachwuchs Hartz IV“, heißt es in einer Erklärung. Der Hochschulverband schlägt daher vor, Nachwuchswissenschaftlern mehr Eigenständigkeit zu geben und deutlich zwischen Qualifizierungs- und wissenschaftlichen Dienstleistungsaufgaben zu unterscheiden. Angesichts der internationalen Konkurrenz um Spitzenwissenschaftler müssten deutsche Universitäten attraktivere Perspektiven für Nachwuchswissenschaftler anbieten können. Dazu gehöre insbesondere der sogenannte „tenure track“, also die Zusage, nach einer positiv evaluierten Qualifikationszeit eine Universitätsprofessur erhalten zu können. Davon sollten künftig auch Habilitanden profitieren können - der tenure track sei ein Mittel der Exzellenzförderung und dürfe daher nicht für alle Nachwuchsstellen gelten.

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