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Plagiate : Kleine schmeißt man raus, Große lässt man klauen

Doktor, Überforderter, Karrieresüchtiger - wer steckt unter dem Hut? Bild: dpa

Das geistige Eigentum hat an deutschen Universitäten auch schon bessere Zeiten erlebt. Das Unrechtsbewusstsein, das manchem Studenten fehlt, ist auch bei manchem Professor nicht vorhanden.

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          Nicht nur in Nordrhein-Westfalen droht Studenten, denen bei Hausarbeiten, Diplom- und Bachelor-Arbeiten Plagiate nachgewiesen werden, die sofortige Exmatrikulation. Auch Baden-Württemberg exmatrikuliert Studenten oder Nachwuchswissenschaftler, die der Täuschung überführt wurden. Das Hochschulgesetz Nordrhein-Westfalens sieht sogar Bußgelder von bis zu 50.000 Euro vor. Professoren freilich werden von solchen drastischen Strafen ausgenommen. Während die unteren Qualifikationsstufen ohne Nachsicht behandelt werden, kommen Professoren aus falsch verstandener kollegialer Rücksichtnahme meist mit einer Rüge davon. Gehaltskürzungen gibt es nicht.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der Deutsche Hochschulverband warnt seine Mitglieder regelmäßig und eindringlich vor wissenschaftlichem Fehlverhalten, schließlich gibt es in der Wissenschaft nichts ehrverletzenderes als den Diebstahl geistigen Eigentums. Die Mahnungen scheinen allerdings nur bedingt zu wirken: Vor kurzem sind selbst in Forschungsanträgen an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Plagiate aufgetaucht, die zu einer Rüge der Verfasser geführt haben. Professoren schieben die Verantwortung für solche Regelverstöße in der Regel Mitarbeitern zu, finden damit aber zumindest bei der DFG und anderen Wissenschaftsorganisationen keine Gnade. Ihre Namen sind intern, also in der selten verschwiegenen Gemeinde der Wissenschaftler bekannt.

          Die Hemmschwelle für das Abschreiben ist beinahe abgebaut

          Professoren hätten die Pflicht, ihre Mitarbeiter zu korrekten Zitaten und lückenlosen Literaturverzeichnissen anzuhalten und vor allem auch den Studenten als Vorbilder zu dienen, heißt es bei den Wissenschaftsorganisationen. Solange es üblich ist, dass Professoren ganze Seminararbeiten oder gar Doktorarbeiten ihrer Mitarbeiter unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen, ist Studenten schwer begreiflich zu machen, dass wissenschaftliche Leistung sich nur in einer Eigenleistung zeigt und nicht in virtuosem Abkupfern von Quellen. Eigentlich ist es der Stoff eines Proseminars: das korrekte Zitieren und die lückenlose Abfassung eines Literaturverzeichnisses. Schon aus Selbstschutz werden Hochschullehrer dabei auch ein Wort über Umfang und Fußnoteninflation verlieren. Nicht selten weisen übermäßig lange wissenschaftliche Arbeiten mit besonders vielen Fußnoten eher auf Materialsammlungen im Sinne eines wissenschaftlichen Literaturberichts als auf eine eigenständige Erkenntnisleistung hin. In den Geisteswissenschaften herrschen außerdem andere Zitiergewohnheiten als bei Naturwissenschaftlern, auch darauf müssen Studenten zu Beginn ihres Fachstudiums hingewiesen werden.

          Hochschullehrer haben es zunehmend schwer, Studienanfänger von ihrer schon in der Schule aus Zeitnot und Desinteresse eingeübten Praxis abzubringen, Texte im Internet als Allgemeingut zu betrachten und Präsentationen oder Seminararbeiten mit elektronischem Kopieren zusammenzustellen. Das Unrechtsbewusstsein unter Studenten ist geringer geworden. Der Leipziger Soziologe Sebastian Sattler hat schon im Jahr 2007 bei einer Befragung von 226 Leipziger Kommilitonen festgestellt, dass neun von zehn Studenten bereit waren, fremdes geistiges Eigentum als das eigene auszugeben. 56 Prozent der Studienanfänger äußerten, schon bei ihren schriftlichen Schulaufgaben plagiiert zu haben. Offensichtlich schwindet das Bewusstsein für Autorenschaft und geistiges Eigentum zunehmend, die Hemmschwelle für das Abschreiben ist durch das Internet nahezu völlig abgebaut. Der Bielefelder Soziologe Wolfgang Krohn hat in jeder dritten von 45 Projektarbeiten abgekupferte Passagen gefunden, obwohl die Plagiatskontrolle eigens angekündigt war. In Bielefeld und Wien reichen Studenten ihre Arbeiten nicht mehr bei ihrem Betreuer ein, sondern müssen sie mit einer E-Mail an ein Computersystem schicken, um sie mithilfe eines Datenbankvergleichs auf Plagiate zu überprüfen.

          Die Überforderten und Karrieresüchtigen

          Freilich wäre es fatal, wenn Hochschullehrer jeden Studenten oder Doktoranden des Plagiats verdächtigten. Skeptisch müssen sie allerdings dann werden, wenn Arbeiten plötzliche Brüche in der Argumentation oder im Stil aufweisen. Dann beginnt in der Regel die Suche im Internet. Abgesehen davon, dass die bisher entwickelte Plagiatssoftware nur einen Bruchteil der Plagiate erkennt, müsste eine kleine Universität wie Bayreuth dafür etwa 10.000 Euro im Jahr ausgeben, um sie überhaupt benutzen und aktuell halten zu können.

          Inzwischen ist auch das akademische „Ghostwriting“ zu einem blühenden Geschäft geworden. Dutzende kleiner Unternehmen haben sich in Deutschland darauf spezialisiert, Hausarbeiten oder andere Qualifikationsarbeiten gegen Bezahlung zu schreiben. Die Kunden werden zwar darauf hingewiesen, dass in Auftrag gegebene Texte nicht als eigene ausgegeben werden dürfen, fügen allerdings hinzu, dass sie nach Zahlung des nicht geringen Honorars keinen Anspruch mehr auf ihren Text erheben. Es gibt Ghostwriter, die so viele Versatzstücke unterschiedlicher Fachrichtungen abgespeichert haben, dass sie in kurzer Zeit erhebliche Textmengen wissenschaftlicher Texte produzieren können. Sie werden nicht nur von Überforderten, sondern vor allem auch von Karrieresüchtigen in Anspruch genommen, die sich auf diese Weise gesellschaftliche Distinktionsmerkmale aneignen oder ihr Gehalt in die Höhe treiben wollen. Die Auftraggeber aber müssen ihr Leben lang mit der Furcht leben, als Fälscher entlarvt zu werden und damit nicht nur ihren Titel los, sondern auch vorbestraft zu sein. Nach Schätzungen werden etwa zwei Prozent der 25.000 deutschen Dissertationen im Jahr von Ghostwritern geschrieben. Die meisten Studenten sind viel zu ehrlich und auch zu arm, um solche Auftragsarbeiten zu bezahlen.

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