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Pisa-Studie : Experte: Gezielte Zuwanderung für Bildung wichtig

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Eine gezielte Einwanderungspolitik kann nach Ansicht des Humangenetikers Weiss Bildungsdefizite an deutschen Schulen verringern.

          Eine gezielte Einwanderungspolitik kann nach Ansicht des Leipziger Humangenetikers Volkmar Weiss Bildungsdefizite an deutschen Schulen verringern. "Länder wie Australien, Kanada und Neuseeland haben einen großen Anteil von Zuwanderern und trotzdem hohe Werte beim Schulleistungstest", sagte Weiss, der die Deutsche Zentralstelle für Genealogie in Leipzig leitet, im Gespräch mit FAZ.NET. "Das ist eine Folge ihrer Einwanderungspolitik." Beim Schulleistungstest Pisa hatten die deutschen Schulen im Vergleich mit 32 Ländern je nach Schulfach Plätze zwischen 19 und 25 belegt.

          Herr Weiss, die Schulen in Deutschland haben bei der Pisa-Studie im Vergleich zu anderen Industrieländern schlecht abgeschnitten. Wie erklären Sie die Ergebnisse?

          Die Pisa-Studie erfasst nicht nur Mängel und Erfolge des Bildungssystems. Auch wenn das Bildungssystem durchaus verbesserungswürdig ist, kann man ihm allein nicht die ganze Schuld geben. Die Anforderungen des Pisa-Tests entsprechen fast denen von Intelligenztests. Und Intelligenz von Kindern hängt zu einem großen Teil auch vom Bildungsniveau der Eltern ab, wenn auch soziale Einflüsse eine Rolle spielen.

          Wie können Sie diese Behauptung belegen?

          In den siebziger Jahren habe ich im Auftrag des Volksbildungsministeriums der DDR mehr als 1.300 Hochbegabte und ihre Familien untersucht, die bei Mathematikolympiaden besonders erfolgreich waren. Dazu zählen auch der heutige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner (SPD), und der Oberbürgermeister von Leipzig, Wolfgang Tiefensee (SPD). Die meisten der Hochbegabten sind inzwischen etwa 50 Jahre alt. In der DDR musste ich die Ergebnisse unter Verschluss halten.

          Warum?

          Das Ergebnis war nicht gewünscht. Ich hatte einen starken Zusammenhang zwischen der Intelligenz der Eltern und ihrer Kinder festgestellt. Von den Untersuchten, deren Eltern einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten hatten, arbeiten heute mehr als 90 Prozent auch in hoch qualifizierten Berufen. Die Hälfte von ihnen wurde promoviert, jeder vierte habilitiert.

          Und in welchem Zusammenhang stehen diese Ergebnisse mit der Pisa-Studie?

          Bei uns in Deutschland sind die Unterschiede im Bildungsniveau zwischen Einheimischen und Ausländern besonders groß. Sie liegen bei der Pisa-Studie bei 90 Punkten. In Australien, Kanada und Neuseeland betragen sie nur 20 Punkte. Dabei waren in Deutschland nur 14 Prozent des untersuchten Geburtsjahrgangs 1985 Ausländer. In den Staaten Australien, Kanada und Neuseeland lag der Zuwandereranteil dagegen bei Werten zwischen 20 und 23 Prozent. Trotzdem schneidet Deutschland im Vergleich weit schlechter ab. Und diese Differenz ergibt sich wahrscheinlich vor allem aus den Nachteilen, denen die Zuwanderer in diesen Ländern ausgesetzt sind.

          Wie lassen sich diese Unterschiede erklären?

          Die Länder Australien, Kanada und Neuseeland betreiben seit Jahrzehnten eine konsequente Einwanderungspolitik. Es werden nur gut ausgebildete Menschen eingebürgert, deren Qualifikationen auch benötiget werden. In mitteleuropäischen Ländern wie Deutschland wurden hingegen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem billige Arbeitskräfte gesucht. Sie sollten Arbeiten erledigen, für die es in Zeiten der Konjunktur zu wenige Einheimische gab oder niemanden, der sie ausführen wollte. Es kamen vor allem niedrig qualifizierte Zuwanderer. Die Pisa-Studie ergab auch, dass die soziale Herkunft in Deutschland entscheidend für den Bildungserfolg ist. Wenn man das bedenkt, sind die niedrigen Werte für die Kinder der Zuwanderer in Deutschland verständlich.

          Was ergibt sich politisch aus den Ergebnissen?

          Mit einer Einwanderungspolitik lassen sich die Bildungsdefizite an deutschen Schulen in den nächsten Jahren verringern. Die Pläne von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), die Zuwanderung mit einem Gesetz zu regeln, sind richtig. Sein Gesetzesvorschlag geht zweifellos in die richtige Richtung. Außerdem müssten Akademikerinnen wieder mehr Kinder bekommen. In den nächsten Jahren werden mehr als 40 Prozent der Hochschulabsolventinnen, die heute jünger als 30 Jahre sind, keine Kinder bekommen. Bis 1990 waren es in der DDR nur acht Prozent.

          Wie wollen Sie das erreichen?

          Die Frauen müssten längerfristige Arbeitsverträge erhalten. Dann könnten sie sich auch eher für ein Kind entscheiden. Wenn Frauen zwei oder mehr Kinder haben, müsste der Staat den Arbeitgebern auch die Anteile für die Sozialversicherungen erlassen. Dann würde sich das Risiko für die Arbeitgeber verringern, wenn sie Frauen mit Kindern einstellen wollen.

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