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Anschlag von Dortmund : Neumann: „Ich halte das nicht für geklärt“

Peter Neumann ist Fachmann für islamistischen Terrorismus und Professor für Sicherheitspolitik und Radikalisierung am King’s College London. Bild: AFP

Die Bundesanwaltschaft vermutet beim Anschlag auf den BVB-Bus einen islamistischen Hintergrund. Im FAZ.NET-Interview erklärt Terrorismusforscher Peter Neumann, warum auch Rechtsradikale infrage kommen, und er seine Familie zum Champions-League-Spiel in Dortmund einladen würde.

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          Herr Neumann, erstmals wurde ein Anschlag auf eine deutsche Fußballmannschaft verübt. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen, die Bundesanwaltschaft vermutet einen islamistischen Hintergrund. Teilen Sie die Einschätzung?

          Ich halte das für möglich, aber bei weitem nicht für geklärt. Das Bekennerschreiben, das am Tatort gefunden wurde, ist sehr ungewöhnlich. Ich würde mich auf islamistischen Terror erst dann festlegen, wenn ein Verdächtiger identifiziert worden ist oder noch eine Meldung des „Islamischen Staates“ (IS) hinzukommt, die das bestätigt. 

          Was macht das Bekennerschreiben so untypisch?

          Zunächst einmal wurde es in dreifacher Ausfertigung am Tatort gefunden. Das hat es so noch nicht gegeben. Auch die Sprache ist ungewöhnlich. Anhänger des IS sprechen vom „Khilafah“, statt wie wir von einem „Kalifat.“ Schließlich sind die Forderungen, die in dem Schreiben formuliert werden für IS-Maßstäbe recht bescheiden. Sonst heißt es meist: „Wir kämpfen weiter, bis ihr vernichtet seid.“ Mit der Schließung einer Luftwaffenbasis und der Beendigung eines Einsatzes über Syrien geben sich die Dschihadisten sonst nicht zufrieden.

          Häufig riskieren Attentäter des IS bei Anschlägen ihr Leben oder kalkulieren bewusst mit ihrem Tod. Spricht das auch gegen einen islamistischen Hintergrund?

          Selbst beim IS muss Märtyrertum militärisch Sinn machen. Man bringt sich nicht einfach zum Spaß um, da dem „Kalifat“ dadurch Kraft verlorengeht. Durch den Selbstmord muss mehr zu erreichen sein als ohne. Beim Anbringen von Sprengfallen, wie in Dortmund, muss das nicht sein.

          Die Bauart der Sprengkörper mit Metallstiften und einem Radius von über 100 Metern scheint professionell gewesen zu sein…

          .. das ist richtig. Diese Expertise gibt es allerdings nicht nur beim IS, sondern zum Beispiel auch bei Rechtsradikalen oder anderen Fundamentalisten.

          Bundesanwaltschaft : Festnahme nach Anschlag auf BVB-Bus

          Das heißt, sie können sich auch andere Täterkreise vorstellen?

          Jeder, der möchte, dass ein Anschlag wie der von Dschihadisten aussieht. Deshalb würde mich auch interessieren, welcher Sprengstoff verwendet wurde. Triacetontriperoxid, kurz TATP, ist bei Islamisten sehr in Mode und würde den Verdacht der Bundesanwaltschaft erhärten.

          Wie sollten Sicherheitsbehörden und Politiker mit dem Anschlag umgehen?

          Die Terrorgefahr in Deutschland hat sich nicht verändert. Sie ist schon seit geraumer Zeit sehr hoch und bleibt es weiterhin. Wir müssen mit solchen Anschlägen weiterhin rechnen. Gleichzeitig bin ich nach wie vor nicht der Überzeugung, dass künftig jeden Tag so ein Anschlag bevorsteht. Deshalb darf man die Fassung nicht verlieren. Es geht darum, diesen Anschlag aufzuklären und möglichst schnell möglichst viele Fakten  an den Tag zu bringen. 

          Würden Sie, wenn Sie ein Ticket hätten, heute Abend zum Champions-League-Spiel ins Dortmunder Stadion gehen?

          Auf jeden Fall. Und ich würde meine ganze Familie dazu einladen.

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