https://www.faz.net/-gpf-plyt

Péter Eszerházy : Also: die Keule

  • Aktualisiert am

Die Ernsthaftigkeit ist mir natürlich durch die Ernsthaftigkeit des Friedenspreises eingefallen. Durch den Friedenspreis der deutschen Buchhändler.

An Buchhändler kann ich nur romantisch denken. Mit Vorliebe nennen wir heute alles, was mit Büchern zusammenhängt, außergewöhnlich und heroisch. Und hoffnungslos. Es ist heroisch und hoffnungslos, Bücher zu schreiben, heroisch und hoffnungslos, Bücher herauszugeben. Und natürlich ist es heroisch und hoffnungslos, Bücher zu verkaufen; so ist es wirklich, trotzdem repräsentiert der gute Buchhändler diesen wirklichen Heroismus als etwas Natürliches. Das heißt, er verfolgt keine Kulturmission, sondern verrichtet seine Arbeit wie jemand, der seinen Beruf liebt und versteht. Der Alltag als Festtag - das ist mein romantisches Bild von diesem Beruf. (Wie viele, viele kleine Buchhandlungen heutzutage schließen müssen, soll mir jetzt ja nicht einfallen und daß . . . lassen wir das: heroisch und hoffnungslos.)

Das Entsetzen des Friedens.

Als vor mehr als einem halben Jahrhundert deutsche Frauen und Männer diesen Preis gegründet haben, wußte noch jeder genau, was Frieden und was Krieg ist. Man mußte nicht nachdenken, mußte keine Wettbewerbe ausschreiben, um geistreiche Definitionen zu erhalten, man mußte nicht bequem darüber spekulieren, ob denn das Fehlen des Friedens wohl friedensförmig sei oder eher kriegsförmig und daß wohl das Fehlen des Krieges sicher nicht friedensförmig sei, das alles brauchte man nicht, es reichte, daß sich Körper und Poren erinnerten. Manchmal ist der Körper weiser als der Kopf. (Oder gehört auch der Kopf zum Körper?)

Das Entsetzen des Krieges kenne ich nicht, ich kenne nur das Entsetzen des Friedens. Ich bin ein Kind des Friedens, ein Nachkriegsmensch, der noch nie etwas aktiv für den Frieden getan hat. Der von Zeit zu Zeit, was auch eine Frage des Glücks ist, über die Diktatur lachte. In besonders glücklichen Augenblicken: über sich selbst lachte. Ich wurde 1950 geboren, quasi post festum. Und wenn ich, sagen wir einmal, davon, wie die Welt 1945 aussah und was damals Deutschland bedeutete, ein Bild haben möchte, wenn ich wissen möchte, wie sich damals die Mischung aus Chaos, Hoffnungslosigkeit und Leichengestank ausnahm, wie das freudlos kalte Entsetzen des Überlebens aussah, ein Bild, aus dem die Natur des Krieges zu entziffern wäre, das Gefühl, fremd und schuldig zu sein, - dann würde ich mich für einen Autor entscheiden, der sicher keinen Friedenspreis bekommen könnte: für Louis-Ferdinand Céline. Was für ein beschissener Mensch, was für ein großer Schriftsteller!

Céline könnte uns auch daran erinnern, daß die Literatur kein Friedensstifter ist beziehungsweise daß man die Literatur nicht einfach unmittelbar benutzen kann - obwohl man ständig in Versuchung ist, sie für das Schöne und Gute zu benutzen und sie sich als eine Brücke zwischen den Völkern und Kulturen vorzustellen, als würden zwei Völker, die auf den Bücherregalen dieselben Bücher haben, einander nicht umbringen. Und als sei der, der liest, ein guter Mensch. (Ganz zu schweigen von dem, der schreibt.)

Weitere Themen

Topmeldungen

Diego Maradona : Die Schönheit des Spiels

Keiner verkörperte den Fußball wie Diego Maradona – und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen seiner vielen Schwächen. Eine Würdigung dieser Jahrhundertfigur des Sports.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.