https://www.faz.net/-gpf-plyt

Péter Eszerházy : Also: die Keule

  • Aktualisiert am

Mittlerweile hat sich vieles verändert, und verändert haben sich auch die Proportionen des Ernstes und des Unernstes. Die Diktatur ist zu Ende, zu Ende die zweipolige Welt, doch ist das alte Bild nach wie vor schön, es ist uns nach wie vor lieb, als Don Quijote lächerlich gegen die Windmühlen des Ernstes anzukämpfen. Als gäbe es nicht einmal mehr Windmühlen, mit einem Mal ist alles funny geworden. Alle lachen über alles, es ist ungehörig, auch nur irgend etwas ernst zu nehmen. Die Losung sagt ja: Alles geht. Nichts geht. (Diese symmetrische Satzstruktur ist auch auf ungarisch sehr schön. Minden megy. Semmi megy. Nur bedeutet dieses Nichts geht gerade das Gegenteil, azt már nem mondom, vagy csak ezen a titkos és cinkos nyelven, hogy te is hegy, én is hegy, nekem ugyan egyre megy. (Alles geht. Nichts geht. Aber dann will ich nicht auch noch sagen oder höchstens in dieser Gaunersprache: du auch Berg, ich auch Berg, obwohl mir das einerlei ist. Ein Versfragment von Sándor Weöres.)

Alles über nichts - Kornél Esti zog den Hals ein, allüberall hörte er dieses neue Gelächter.

Das ist mein persönliches Problem, das ist das stilistische Problem, das ich Tag für Tag lösen muß, das Problem, das jeder einzelne Satz von mir enthalten muß. Er muß nicht nur mit dem leeren Ernst und dem gehaltvollen Unernst rechnen, sondern auch mit dem neuen vielfältigen Unernst. In dieser neuen Ordnung von Ernst und Unernst muß der Satz seinen Platz finden. Er muß aussprechen können, daß doch nicht alles geht, und das muß er ohne den muffig anmaßenden Schulmeisterton sagen; er muß Ja und Nein sagen können, während man weiß, daß die wichtigen Wörter der Literatur eher das Vielleicht und das Möglicherweise sind, vielleicht.

Der Satz muß die Bequemlichkeit der falschen Freiheit und der falschen Ordnung vermeiden, ohne sich für einen Hüter der Wahrheit zu halten. (Die falsche, unechte Freiheit hatte den 11. September schon am nächsten Tag vergessen, die falsche, unechte Ordnung benutzt dieses Datum, um ihre alten, autoritären Pläne zu legitimieren. Aber möglicherweise trifft das nur bei uns in Ungarn zu. Wir reden und reden darüber und haben den Tag vergessen.) Unser Leben geht weiter wie eh und je. Wie denn sonst?!)

Es gibt viele Arten des Ernstseins: schön, häßlich, humorlos säuerlich oder gehoben, es gibt den feigen Ernst, der sich vor der Freiheit fürchtet, und es gibt den notwendigen Ernst, der gerade aus der Freiheit erwächst. Aber der Ernst ist keine Heimat für mich, das ist nicht der Ort, wo ich zu Hause bin, deshalb möchte ich weiterhin dem europäischen Unernst die Ehre erweisen.

Wenn ich auf einem Podest stehe, gibt es kein Podest, es gibt keine bevorzugte Redeweise, wenn ich auf einem Podest stehe, hinter dem Pult, das sich also in diesem Es gibt nicht befindet, fällt mir automatisch Ernst Herbeck ein, der Geisteskranke und Dichter und sein Gedicht über die Einsamkeit:.

Die Einsamkeit ist ähnlich.

eine Versammlung und.

dann, wenn ein Herr eine.

Rede hält.

Sie soll interessant sein,.

um die Einsamkeit zu.

überwinden. Danke!

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Bundeskanzlerin am Mittwoch vor der Pressekonferenz im Kanzleramt.

Verlängerter Teil-Lockdown : Wo ist der rote Faden?

Merkel und die Ministerpräsidenten stehen immer im Verdacht, selbst wenn sie noch so ausgewogen handeln, doch relativ wahllos zu entscheiden. Das mehrt die Unzufriedenheit – ist aber der goldene Mittelweg.

Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.