https://www.faz.net/-gpf-plyt

Péter Eszerházy : Also: die Keule

  • Aktualisiert am

Eine Übereinstimmung von unterschiedlichen Erfahrungen, von unterschiedlichem Wissen, ist wirklich ungeheuer schwer. Ohne Erinnerung gibt es keine Moral, habe ich in einem Roman gelesen. Aber ohne Vergessen gibt es keine Erinnerung. Wir können uns nur erinnern, wenn wir vergessen können. Manchmal können uns die paradoxen Funktionen der Literatur dabei helfen. Etwas kollektiv zu wissen und zur Kenntnis zu nehmen macht das persönliche Vergessen möglich. Bücher erzählen Geschichten, damit man die eigene Geschichte nicht erzählen muß. Wenn man über etwas nicht länger reden will, sagt man im Ungarischen: Schleier darüber. Diese Wendung ist genauer als das deutsche Schwamm drüber, weil der Schleier das, was vorhanden ist, nicht wegwischt. Ein bißchen sehen wir das Verdeckte noch, aber nicht so unmittelbar, daß es weh tun könnte. Oder es tut weh, aber es geht nicht gleich um Wunden.

Über das Wunderbare und die Normalität habe ich in einem Roman folgendes gelesen: "Nach Auffassung meines Vaters ist das Leben: mit kleinen Einschränkungen wunderbar. Denn nach Auffassung meines Vaters ist in Auschwitz zu sterben: normal, natürlich, auf der Hand liegend. Der Mensch wird verschleppt, getötet: das heißt dann, es ist alles in Ordnung, alles läuft nach Plan, wenn es einen Plan gibt, wenn es keinen Plan gibt, dann geht es unter Zustimmung aller vor sich (ab und an ein kleines Zögern). In Auschwitz nicht zu sterben ist nicht normal, nicht natürlich, also wundervoll. Das Wundervolle bezieht sich dabei nicht darauf, daß es von geringer Wahrscheinlichkeit ist, obwohl es von geringer Wahrscheinlichkeit ist. Der Grund dafür kann sein: ein Fehler, ein Zufall, das sogenannte Glück (Mazl) sowie die unberechenbare Hysterie des richtungslosen Lebenswillens. Ebenfalls nicht normal, nicht natürlich, also wundervoll ist es: gar nicht nach Auschwitz zu kommen (also in Nicht-Auschwitz zu sterben oder nicht zu sterben). Das ist sehr häufig der Fall, deswegen ist es irreführend. Das Wundervolle der Welt ist: schwer. Womit ich nicht sagen will, sagte mein Vater, daß, wenn die Welt ohne Fehler normal wäre, es leichter, schwerer oder genauso wäre wie dieses Wundervolle."

Ottos Mops kotzt. Ogottogott. Also die Keule etwas abkühlen lassen, mit Eiweiß bestreichen und die restliche Paste rundum festdrücken. Nun noch eine knappe Viertelstunde - der Redner blickt auf seine Uhr - bei 160 Grad knusprig braten. Dazu frittierte junge Artischocken, grüne Spargel und Aioli reichen. Einen roten Bandol aus der Provence.

Ich komme aus einem Land, sagte oder sagt oder würde Kornél Esti sagen, wo die Überheblichkeiten einer grobschlächtigen osteuropäischen Spaßgesellschaft und der drohende, kleinliche Bärenernst entleerter Traditionen unmittelbar nebeneinander existieren.

Weitere Themen

Topmeldungen

Aktienhändler Peter Tuchman trägt eine Mütze mit der Aufschrift „Dow 30.000“

Dax auf Rekordjagd : 2021 wird ein gutes Aktienjahr

Rosige Aussichten für das kommende Jahr: Der Dax dürfte seinen Aufwärtstrend fortsetzen und dem S&P 500 auf neue Allzeithochs folgen. Bis auf 14.500 könnte der wichtigste deutsche Aktienindex steigen. Die Technische Analyse.
Sich zu Lebzeiten Gedanken zu machen, was passieren soll, wenn man gestorben ist, ist ein entlastendes Gefühl.

Verdrängen kann helfen : Wo ist sie nur, meine Trauer?

Als ihre Schwester stirbt, fragt sich unsere Autorin, warum sie das weniger trifft als gedacht. Und macht sich auf die Suche nach ihrer eigenen Form des Abschieds. Dabei lernt sie: Verdrängen ist per se nichts Schlechtes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.