https://www.faz.net/-gpf-plyt

Péter Eszerházy : Also: die Keule

  • Aktualisiert am

Das deutsche Selbstmitleid ist differenzierter als das ungarische, es steckt mehr Arbeit dahinter, und die verbietet zum Beispiel, über sich selbst in einer nationalistischen oder rassistischen Sprache zu reden.

Kein Zufall, daß es für Vergangenheitsbewältigung im Ungarischen kein Wort gibt. Das Wort fehlt, weil die Tätigkeit fehlt, die Wörterbücher empfehlen umschreibende Begriffe. Das sollte ich, fällt mir gerade ein, vielleicht nicht kritisch hervorheben, denn womöglich geht es hier darum, daß die ungarische Sprache das, was die deutsche vergessen hat, noch weiß, daß man nämlich die Vergangenheit nicht bewältigen kann - daraus aber zieht die ungarische Sprache womöglich die falsche Folgerung, daß die Vergangenheitsbewältigung als Arbeit, als europäische Pflichtarbeit, nicht möglich sei.

Niemand kann die eigenen Probleme allein lösen. Es ist unter anderem eine Konsequenz der bereits gestellten deutschen Fragen, daß wir unsererseits keine Fragen stellen, die sich auf uns beziehen, und unter anderem können die Deutschen wegen unseren nicht gestellten Fragen die noch fehlenden Fragen nicht stellen.

Die Deutschen haben die eigenen Vergehen beim Namen genannt, die eigenen Leiden haben sie nicht beim Namen genannt.

Die eigenen Missetaten durch die deutschen Missetaten zu verdecken ist eine europäische Gewohnheit. Der Haß gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit.

Der nicht verarbeiteten, stumpfen ungarischen Nationalerinnerung - dieses Wort entspricht den Wörtern Nationalgericht, Nationalgarde, Nationaleinkommen -, dieser Erinnerung gefällt es, sich ausschließlich und fortwährend als Opfer zu sehen (das ist ein allgemeiner osteuropäischer Reflex). Die deutsche Nationalerinnerung ist wesentlich weiter, sie nennt die eigene Verantwortung beim Namen. Da sie aber die Verantwortung anderer nicht nennen kann (sobald sie das versucht, wird sie auf hysterisches Mißtrauen stoßen) und weil wir, die anderen, die eigene Verantwortung nicht benennen - wirft diese offensichtliche Ungerechtigkeit das deutsche Selbstmitleid an. Was vereint sein sollte, zerfällt in Selbsthaß und Selbstmitleid, neben der Unwahrheit des Nur-Mörders steht die Unwahrheit des Nur-Opfers - und hinter diesen beiden Dingen das ungeklärte "wir", die ungeklärte Nationalerinnerung. Dieses nicht Geklärte sehnt sich ebenfalls hysterisch nach einer "Normalität".

Da es übrigens normale Länder nicht gibt, weil die Normen überall verraten wurden, überall gab es zum Beispiel "volle Boote", ist die Sehnsucht nach Normalität nur der Wunsch, an der Amnesie, mit der andere Länder den eigenen Verrat behandeln, teilhaben zu dürfen; eine solche niederträchtige Großzügigkeit ist Deutschland wirklich untersagt, was wirklich diskriminierend ist.

Eine gesamteuropäische Übereinstimmung unseres Wissens über uns selbst als Mörder und Opfer ist noch nicht entstanden.

Mitgefühl und persönliches Erleiden.

Um zu sehen, daß es einen anderen, der die Keule über unseren Köpfen schwingt, nicht gibt, müssen wir auf nichts als das Mitgefühl und das persönliche Erleiden bauen, das ist die Voraussetzung; Mitgefühl und persönliches Erleiden - alle Hände sind unsere Hände, es gibt keine fremden Hände, folglich gibt es keine Keule.

Weitere Themen

Überlebende berichten Video-Seite öffnen

Massaker in Tigray : Überlebende berichten

Beim Überfall auf die Stadt Mai-Kadra in der Konfliktregion Tigray sind hunderte Zivilisten getötet worden. Ein Überlebender berichtet von dem Angriff. Unklar ist, wer für das Blutbad verantwortlich ist.

Topmeldungen

Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.
Torreiche Partie: Wolfsburg besiegt Bremen.

5:3-Sieg gegen Bremen : Wolfsburg gewinnt packendes Nordduell

Das Spiel zwischen Wolfsburg und Bremen entwickelt sich schnell zu einer turbulenten Partie. Beide Mannschaften liefern sich einen sehenswerten Schlagabtausch. Am Ende freuen sich die Wölfe über einen verdienten Jubiläumserfolg.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.