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Péter Eszerházy : Also: die Keule

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Wovon ist hier die Rede? Ich lasse mich durch die Wörter vorantreiben. Eine Tante - bei sogenannt großen Familien sind nicht Väter und Mütter entscheidend, sondern die zauberhaften Tanten und Onkel, die entfernten Neffen, Nichten und Cousins - eine solche entfernte, zauberhafte Tante sagte einmal: Ich lese keine Bücher, die man zusammenfassen kann. Und ich, ich möchte keine solchen Bücher schreiben. Und keine solchen Reden halten. Die Wörter treiben mich voran.

Die Keule aber habe ich nicht nur aus Neugierde eingebracht, um zu sehen, wie das Wort hier und heute in der Paulskirche funktioniert (in jenem Dorf, wohin meine Familie 1951 zwangsausgesiedelt wurde, hielt man um diese Zeit am Vormittag die Große Messe, sie hieß szagosmise, Riechmesse, wie Riechfläschchen, wahrscheinlich wegen des Weihrauchs, es handelte sich um eine katholische Kirche, dort könnten sogenannte Zivilisten keine Predigten halten wie hier, dort könnte das nur ein Priester, dann aber sehr lang) - das ist mein Beruf, ich setze die Wörter hin und her und schaue zu, was dann passiert -, also nicht nur deshalb, sondern weil mich diese Keule, diese Keulen-Angelegenheit auch persönlich berührt, mich als Ungarn, als Ost-Europäer, als Europäer. Und als Turnlehrer. Ich rede nicht aus der Aktualität heraus über die Deutschen, sondern weil, wer über Deutschland spricht, über Europa, wer über die deutsche Problematik, über die eigene spricht.

Wenn von der Nation und insbesondere von der nationalen Identität die Rede ist, stellen die Deutschen meist überaus ungarische Fragen. Die Keule erinnert mich daran, wie viele Fragen sich die Deutschen bereits gestellt haben, und zwar beispielhaft, und sie erinnert mich an die nicht gestellten Fragen.

Von jener Arbeit an der Sprache, auf die die Keule hinzielt, hat mein Land und haben die neuen Europa-Länder - da haben wir das wundersame Leben der Wörter: den Ausdruck "neue Länder" verwende ich hier nicht im Sinne der Rumsfeldschen Aussage - von jener Arbeit also haben diese Länder so gut wie nichts erledigt. Warum nicht? Halt so. Wir hatten keine Lust. Weder Lust noch Kraft. Mit uns passiert irgendwie alles so schnell, zu schnell. Der Weltkrieg und eine Diktatur waren zu Ende, gleich darauf hat eine neue Diktatur begonnen. Als sie zu Ende war und wir hätten begreifen können, was es bedeutet, in einem freien, souveränen Staat zu leben, mußte man bereits darüber nachdenken oder hätte darüber nachdenken sollen, was es bedeutet, auf einen Teil dieser Souveränität freiwillig zu verzichten. Wir schaffen es nicht, dem Leben mit unseren Gefühlen nachzukommen. Die Probleme, falls wir sie überhaupt beim Namen nennen können, kehren wir unter den Teppich, und gleich darauf weisen wir die Unterstellung zurück, etwas unter den Teppich gekehrt zu haben. Was für ein Teppich, wir haben ja gar keinen, behaupten wir, den haben die Kommunisten gestohlen.

Die Kommunisten, das heißt die anderen.

Und schon sind wir bei der uralten Frage angelangt: Wer ist ein Ungar, was ist ein Ungar - sprich: ein Deutscher?

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