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Péter Eszerházy : Also: die Keule

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Als ich mich vor etwa dreißig Jahren in der ungarischen Literatur umschaute, und damals war es unmöglich, sich nicht zugleich auch in der Diktatur umzuschauen, da war gar nichts ihsi. Ich sah entsetzlich viel Ernst, die Ernsthaftigkeit der Macht, verlogen bis ins Mark hinein, und es gab eine ehrenwerte ungarische Literaturtradition, die in erster Linie sich selbst ernst nahm, indem sie ihre eigenen moralischen Aufgaben ernst nahm, weil man sie in einer Diktatur vielleicht überhaupt nicht nicht ernst nehmen kann - jedenfalls hatte ich nicht den Eindruck, daß dieser Ernst meiner Veranlagung entsprechen würde.

In dieser vielfachen Ernsthaftigkeit war es nicht schwer, unernst, und zwar auf eine konstruktive Art unernst zu sein. Eigentlich ist es einfach, über eine Diktatur zu lachen. Moralisch gesehen ist das trivial, wir sind die Guten, sie die Bösen. Vom Schriftstellerischen her - da gibt es schon ein Stück Arbeit, die vor allem daraus besteht, das Selbstmitleid zu vermeiden. Aber letzten Endes ist die Sache einfach, weil wir über den anderen lachen. Und damals, Mitte der siebziger Jahre, war das Lachen etwas Seltenes; damals lachte kaum jemand.

Das Lob der Faulheit und Liederlichkeit, jauchzte Esti. Gäbe es doch einen echten, guten, liederlichen Schriftsteller. Nur sind die Liederlichen alle schlecht, und die Guten sind alle ernst. Todernst, im Grunde ihres Herzens sind sie überhebliche Moralhüter, genau wie du. Ein kleines Land kann anscheinend nur Schriftsteller hervorbringen, die kaum oder bestenfalls mittelmäßig liederlich sind, doch nie echte, tapfere, gute liederliche Schriftsteller.

In manchen ehrgeizigen Augenblicken hatte ich mir heimlich immer schon gewünscht, ein richtiger, tapferer, guter liederlicher Schriftsteller zu sein.

Ottos Mops klopft. Otto: Komm, Mops, komm! Ottos Mops kommt. Ottos Mops kotzt. Otto: Ogottogott. Worte Ernst Jandls, und Jandl schwebt mir auch jetzt als Memento vor, damit ich mich von der schönen Ernsthaftigkeit dieses Augenblicks nicht verführen lasse und den Mops mit seinem tragischen Schicksal nicht gegen die üblichen Analysen von bedeutenden europäischen Fragen eintausche.

Irgendwo auf halbem Weg zwischen Mops und Analyse mag die Keule liegen. Also die Keule. Wie interessant, das Schicksal der Wörter zu sehen, das wundersame Leben der Wörter. Wie sehr sie ihre Vergangenheit mittragen, und wie uns das einschränkt, einschränkt und bereichert! Auf das Ewigweibliche fällt uns sofort die entsprechende Fortsetzung ein, weil sie uns nicht nicht einfallen kann, sie zieht uns hinan, und bei Otto das Ogottogott, und zum Beispiel werden wir nie wieder ehrliche deutsche Arbeit sagen können, ohne dabei gleichzeitig zu hören: jüdische Geldmacherei. Wobei es durchaus ehrliche Arbeit gibt, die man deutsch nennen kann.

Bei einer Friedenspreisrede stolpern wir sogar bei dem Wort Lammkeule. Klaus Trebes, der Frankfurter Koch, empfiehlt: Eine Milchkeule hohl entbeinen, bis auf den Haxenknochen, dann eine Paste zubereiten aus Knoblauchzehen, Schalotten, Zitronenthymian, Pinienkernen, Weißbrotbröseln mit Olivenöl, Zitrone; einen Teil der Paste in den Hohlraum füllen, wo vorher der Knochen saß. Und dann: Die Keule in Form binden, würzen, etc. Also: Die Keule in Form binden!

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