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Péter Eszerházy : Also: die Keule

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Die fehlende Krawatte.

Als ich von diesem Preis erfuhr, fiel mir nacheinander folgendes ein: 1. das Krawattenproblem, 2. gelobte ich mir, a) was Kant über den ewigen Frieden geschrieben hat, nicht zu lesen, nein, sagen wir lieber: nicht wieder zu lesen, und b), für den Fall, daß ich es wage, das Wort Keule unbedingt in der Rede unterzubringen.

Und außerdem: Soll ich bei diesem Punkt einen Ehrlichkeitsanfall bekommen? Das wäre äußerst menschlich! Der Ästhetik aber nicht unbedingt förderlich.

Was mir sonst noch gleich eingefallen war, werde ich nicht zugeben, nämlich die Verpflichtung, mich als frischgebackener Friedenspreisträger über alle gegenwärtigen Kriege auf unserem Planeten augenblicklich zu informieren. Welche aktuellen Kriege gerade stattfinden, welche Meinung ich jeweils von ihnen habe. Darüber wird man besser schweigen. Wie auch darüber - nein, das nicht, darüber wirklich kein Wort. ("Seit Ewigkeiten bewundere ich Amerika und bin gegen den Krieg im Irak.").

Als ich die Liste der bisherigen Preisträger sah - ich sage es am einfachsten, wie es war -, bekam ich plötzlich keine Luft mehr. Mir war wie einst, als mich mein deutscher Gastgeber abends immer fragte: "Na, junger Mann, erzählen Sie mir, was Sie heute 1. in menschlicher, 2. in literarischer, 3. in philosophischer Hinsicht erfahren haben."

Diese Protestanten sind dermaßen ernsthaft, und unablässig denken sie nach, seufzte Kornél Esti.

Mit der Ernsthaftigkeit der Liste konnte ich nichts anfangen, weil ich im ersten Augenblick dachte, etwas mit der eigenen Ernsthaftigkeit anfangen zu müssen. Mit meiner Krawatte oder mit der fehlenden Krawatte. Im Traum stand ich in der Paulskirche, und o Entsetzen, ich hatte keine Krawatte an und so weiter. Damit wären wir nicht nur gleich im dichten dunklen Wald von Dichtung und Wahrheit, zu beobachten wäre zudem, daß die Tradition nicht etwas von vornherein Bestimmtes ist, sondern nur Interpretation. Denn wo könnte man schon ohne Krawatte eine Rede halten, wenn nicht an dem Ort, der lange die Barfüßer-Kirche genannt wurde. Das heißt, die Fragen nach dem Stil verdecken sozusagen die Sache selbst. Und bedenken wir doch, wie es bei dem Dichter heißt: Das Fehlen Gottes ist gottesförmig, das Fehlen des Vaters vaterförmig - und auch die fehlende Krawatte ist krawattenförmig, nur drückt sie weniger.

Deutsche Preisverleihungen führen die Preisträger in Versuchung, sich selbst so zu sehen, wie sie in der Preisbegründung beschrieben werden. Sag nur, mein lieber, guter Vater, sagt mir neulich mein siebzehnjähriger Sohn, na so was!, hast du wirklich "nicht nur deine Heimat (Ungarn) in der Mitte Europas, sondern Europa in der Mitte der Literatur neu situiert"? Er spricht mit mir wie ein strenger Vater. Schon gut, sagt er, aber das soll nicht noch einmal vorkommen, ich will nicht wieder hören, daß "du der europäischen Depression einen Kontrapunkt gesetzt hast". Jawohl, flüstere ich verschüchtert. Söhne können sehr streng sein. Sie wissen viel, und das wissen sie, und vieles wissen sie nicht, und das wissen sie noch nicht. Ich mag die Strenge an meinem Sohn, aber manchmal hätte ich es gern, sehr gern sogar, wenn er schweigen würde. Si tacuisses philosophus mansisses. Einmal hörte er, noch als Kind, Lateinisch sei eine tote Sprache, und er trauerte richtig um sie: Ist sie gestorben?! Die arme. Dann fügte er kühl hinzu: Tote Sprachen lernen wir nicht, Papa, o.k.? Und: Teik it ihsi, deddy.

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