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Pegida und Meinungsfreiheit : Dummheit ist keine Schande

  • -Aktualisiert am

„Pegida-“Anhänger am Montagabend in Dresden Bild: Reuters

Jeder kennt Menschen, die dümmer sind als er selbst. Aber warum lacht man sie dafür aus? Ein Kommentar.

          Es gibt in Deutschland nur noch eine einzige Gruppe von Menschen, die man ungestraft verspotten und beleidigen darf: die Dummen. Damit sind alle gemeint, die zu Dummen erklärt werden. Sie sind angeblich wenig intelligent, ungebildet, unbelehrbar. Wer als dumm gilt, muss hinnehmen, dass er ausgelacht wird, weil er nicht klug ist. Warum eigentlich?

          In unserer Gesellschaft ist es üblich, niemanden für etwas zu beschimpfen, für das er nichts kann. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem passiert. Aber diese Art der Diskriminierung ist sozial geächtet. Das erfährt jeder im täglichen Leben. Ungeschicklichkeit zum Beispiel ist kein Problem. Fällt einem alten Mann im Supermarkt ein Glas Gurken runter, muss er es nicht bezahlen. Es bildet sich auch kein Pulk von anderen Kunden, der brüllt: „Du tatterige Sau!“ Auch riesige Nasen oder spärliches Haupthaar gelten als unverschuldet und sind kein Problem. Schlimmstenfalls heißt es, kein Mensch sei perfekt, doch zumeist hört man, der vermeintliche Makel mache den Menschen erst interessant. Armut erscheint ebenfalls nicht als angemessener Anlass für Spott.

          Obdachlose schildern auf kleinen Pappdeckeln ihre Not und bekommen daraufhin von Passanten Geld. In der Vorweihnachtszeit essen sie Gänsebraten im Rathaus. In Frankfurt kamen neulich der hessische Ministerpräsident und der Oberbürgermeister, um ihnen guten Appetit zu wünschen. Wer Ungeschickte anpöbelt, Haarlose auslacht oder Obdachlose beleidigt, gilt zu Recht als schlechter Charakter. Aber Dumme zu erniedrigen ist schick.

          Um das zu bewerten, ist es egal, ob der als dumm Bezeichnete tatsächlich zu den vielen Millionen Deutschen gehört, die weniger intelligent sind als der Durchschnitt. Entscheidend ist, dass jemand für dumm gehalten und deswegen der Verachtung preisgegeben wird.

          Zum Beispiel Teilnehmer der Kuppelsendung „Bauer sucht Frau“, Schüler mit schlechten Noten oder die Pegida-Demonstranten. Ein Kolumnist der „Bild“-Zeitung nennt die Bürger, die in Dresden friedlich demonstrieren, „Idioten“ und bittet Jesus um Verzeihung: „Das Volk ist leider oft dumm.“ Ein „Spiegel“-Kolumnist schreibt ebenfalls von „Idioten“; die Politik solle den Teufel tun, mit ihnen zu reden. Ein öffentlich-rechtlicher Journalist schreibt von „Vollidioten“, die man „auslachen“ müsse. Selbst wenn man annimmt - wofür es keine Anhaltspunkte gibt -, dass unter den 15 000 Demonstranten 15 000 Idioten waren, stellt sich die Frage, ob Jesus um Verzeihung zu bitten, Auslachen oder institutionelle Ignoranz das Zusammenleben angenehmer gestalten. Die Antwort ist, das dürfte sich gerade den Intelligenten blitzschnell erschließen: nein. Denn sie selbst wollen ja auch nicht so behandelt werden.

          Nur wer zuhört, kann klug antworten

          Allerdings besteht die Gefahr auch nicht. Dumme haben kaum Möglichkeiten, sich zu wehren: Hauen dürfen sie nicht, reden sollen sie nicht. Eine Lobby haben sie auch nicht. Wer möchte schon Sprecher der Idioten sein? Vor allem, wenn man sich selbst über seine Intelligenz definiert - so wie viele Politiker, Journalisten, Intellektuelle, Unternehmer und andere Eliten. Da macht es dann auch nichts, dass viele auf Fortbildung waren, als Gott die Schönheit verteilte, und auch noch, als die Güte dran war, die Geduld, der Fleiß, die Demut. War eben eine sehr lange Fortbildung. Nun fühlt man sich erhaben über alle, die anders sind. Auf Facebook kursierte in den vergangenen Tagen ein Link, mit dem man überprüfen kann, wer von den eigenen Facebook-Freunden sich für Pegida interessiert.

          Viele schickten ihn rum, oft verbunden mit der Aufforderung, die entlarvten Idioten aus der Freundesliste zu löschen. Wirklich: Nun hatten die Dummen weder jemanden gehauen noch etwas gesagt, sondern nur still ihr Interesse - nicht mal ihre Zustimmung - an einer legitimen Form des politischen Protestes signalisiert. Trotzdem beschlossen ihre Freunde, die Klugen, Toleranten, dass das zu weit geht.

          Ihre Form der politischen Auseinandersetzung nennt sich „preaching to the converted“: den Bekehrten predigen. - Kann man machen. Niemand hat die Pflicht, mit Leuten, die er für dumm hält, befreundet zu sein, zu diskutieren oder ihre Ansichten auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Niemand außer Politikern. Abgeordnete des Bundestages sind Vertreter des ganzen Volkes, so steht es im Grundgesetz. Wenn der Justizminister Maas sagt, die Pegida-Proteste seien eine „Schande für Deutschland“, ist das, sorry, relativ ungeschickt, denn so wenig, wie irgendetwas alternativlos ist, sind alle Dresdener Demonstranten für die Demokratie verloren. Das ARD-Magazin „Panorama“ hat dankenswerterweise mehr als eine Stunde ungeschnittene Interviews mit ihnen ins Netz gestellt. Es lohnt sich, sie anzusehen. Weil es eine der seltenen Gelegenheiten ist, bei denen Leute zu Wort kommen, die von vielen für dumm gehalten werden. Sie dürfen etwas sagen, ohne dass man sie sofort dafür auslacht oder beschimpft (in den sozialen Netzwerken schon, doch das muss sich keiner durchlesen). Die Demonstranten sagen nicht ausschließlich, aber doch viele schlichte, vereinfachte, falsche, hysterische Dinge. Aber nur wer zuhört, kann klug antworten.

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