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PDS : Stasi registrierte Bisky schon 1966

  • -Aktualisiert am

Lothar Bisky: Für die PDS „absolut vertrauenswürdig” Bild: dpa/dpaweb

Seit die sogenannten Rosenholz-Unterlagen zugänglich sind, bestätigt sich für die Birthler-Behörde das Bild, daß Lothar Bisky inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sei.

          Die Hauptverwaltung Aufklärung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit hat den heutigen Vorsitzenden der PDS, Lothar Bisky, als inoffiziellen Mitarbeiter geführt. Das war in groben Zügen seit 1995 bekannt. Seit jedoch die sogenannten Rosenholz-Unterlagen bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zugänglich sind, also die Klarnamendatei F 16 und die Vorgangsdatei F 22 der Hauptverwaltung im Besitz der Behörde sind, haben sich weitere Unterlagen gefunden, und es sind Abgleichungen mit dem elektronischen Posteingangsbuch "Sira" möglich geworden.

          Eine Karteikarte mit Biskys Namen darauf fand sich in den Rosenholz-Unterlagen. Das "rundet" nach Ansicht des Direktors der Behörde, Hans Altendorf, die bisher bekannten Materialien über Biskys Tätigkeit ab und bestätige das Bild, das die Behörde schon 1995 hatte, daß Bisky inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sei.

          "Es gibt keine Verpflichtungserklärung“

          Bisky bestritt dies und bestreitet es heute: "Ich sehe kein neues Ergebnis", sagte er. "Es gibt keine Verpflichtungserklärung." In einer Mitteilung der PDS ließ Bisky am Dienstag abend erklären, er habe zu der Information, von der HVA registriert gewesen zu sein, schon 1995 mehrfach Stellung genommen, "zuletzt am 26. 11. 1995". In der Erklärung nimmt er dazu abermals nicht Stellung. "Offizielle Kontakte zur Staatssicherheit", so heißt es, habe er "von Anfang an" bestätigt.

          Bisky zitiert aus einem Buch, in dem sein außerordentliches Engagement für Studenten und Personal an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg erwähnt wird. An der Hochschule habe er "nach eigener Erklärung Stasi-Kontakte" gehabt, heißt es in dem von ihm zitierten Text über ihn. Im RBB sagte Bisky am Dienstag abend: "Was man mir anhängen will - ich sei IM gewesen -, das bestreite ich." Er habe über Reisen ins westliche Ausland - er war seit 1969 "Reisekader" - "Reiseberichte für meine zuständigen Leitungen angefertigt". Er wisse nicht, wer sich diese "zusätzlich angeeignet" habe.

          Zusammenarbeit bis 1979

          Die erste Erfassung Lothar Biskys, der 1959 von Westdeutschland in die DDR gezogen war, nahm die HVA 1966 vor. Das war 1995 noch nicht bekannt. Damals fand man die erste Erwähnung Biskys in den Stasi-Akten aus dem Jahr 1975. Am 3. Juli 1975 gab die Leipziger Abteilung XX/2 (für FDJ- und Jugendpolitik, Nazi- und Kriegsverbrechen) einen Suchauftrag für Bisky an das Zentralarchiv. Am 18. Juli 1975 kam die Mitteilung, er sei bei der Hauptverwaltung Aufklärung, Abteilung XV erfaßt, betreut werde er von Mitarbeiter Nummer 550. Zu der Zeit arbeitet Bisky am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig. Vier Jahre später, 1979, beendete die HVA nach der 1995 bekannten Aktenlage die Zusammenarbeit.

          Am 28. Juni 1979 teilte Oberst Sinschek (laut "MfS-Handbuch" der Gauck-Behörde war er "Offizier für Sonderaufgaben) der "Sektion Wissenschaft und Technik" (SWT) der Abteilung XX in Leipzig mit, Bisky sei erfaßt", doch sei die Zusammenarbeit mit ihm "aus objektiven Gründen" nicht mehr erfolgversprechend. 1979 hatte Bisky eine Honorarprofessur an der Berliner Humboldt-Universität bekommen, von 1980 bis 1986 lehrte er an der Berliner Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. 1980 verfaßte Oberstleutnant Körner von der HVA-Sektion Wissenschaft und Technik eine vorteilhafte "Einschätzung der Person Dr. Bisky, Lothar": Er habe sich in der "langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit" als "zuverlässig und einsatzbereit" erwiesen.

          PDS: Bisky "absolut vertrauenswürdig"

          Im August 1980 fertigte die Leipziger Abteilung XX/7 (für Kultur und Medien zuständig) einen "Vorschlag zum Anlegen eines VIM" (IM-Vorlaufs) für Biskys Ehefrau an, in dem es über Bisky heißt, er sei "IM der HVA/SWT/XV und wurde aufgrund nicht mehr vorhandener operativer Perspektive im Juni 1980 in der Abteilung XII archiviert". Im November 1986 verfaßte Oberleutnant Lutz Michael Gottschalk aus der Abteilung XX/7 einen handschriftlichen Vermerk über ein Gespräch mit einem "zuständigen Genossen der HVA". Darin sei geklärt worden, daß "die Erfassung des B." aus "weiterbestehenden Interessen der HVA nicht übergeben" werden konnte. "Die Interessen der HVA stehen in keinem Zusammenhang mit der jetzigen Tätigkeit des B. an der HFF", notierte Gottschalk. Bisky war von 1986 bis 1990 Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF).

          Die PDS steht nach Auskunft ihres Sprechers hinter Bisky. Ihre Bundestagsabgeordneten Petra Pau und Gesine Lötzsch nannten Bisky "absolut vertrauenswürdig". Den Neuanfang der PDS sehen sie durch die neuen Funde nicht gefährdet. Der PDS-Ehrenvorsitzende Hans Modrow nannte die Vorwürfe gegen Bisky "unseriös". "Kontakte hat er gewiß gehabt", doch könne man daraus nicht den Vorwurf einer Tätigkeit als IM ableiten, seiner Ansicht nach handelt es sich um eine Kampagne der Bundesbeauftragten gegen Bisky. Der brandenburgische PDS-Vorsitzende Ralf Christoffers sagte: "Damals wie heute besteht kein Anlaß, daran zu zweifeln, daß Herr Bisky als integrer Mensch gehandelt hat."

          Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke sagte, ähnlich wie sich auch der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Böhmer äußerten, er sei "nicht überrascht" über die Funde zu Bisky. Schon seit Anfang der neunziger Jahre habe er gewußt, daß Bisky "mit der Stasi Kontakte gehalten" habe. Gegenüber der "Berliner Zeitung" zeigte sich Nooke verwundert über die Aufregung um Bisky, schließlich sitze Manfred Stolpe im Bundeskabinett, "dessen Stasi-Kontakte ebenso aktenkundig sind".

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